Berlin : Putins Kollegen

Eine spannende Dokumentation über die Aktivitäten des KGB in Deutschland

Lothar Heinke

Leer und verlassen liegen heute die maroden Gebäude auf einem 64 Hektar großen Areal in der Karlshorster Zwieseler Straße. Noch vor 15 Jahren war dies ein geheimnisumwittertes und bis an die Schornsteine bewachtes Gelände, ein Städtchen in der Stadt, wo 800 Spezialisten des sowjetischen Geheimdienstes KGB ihren Dienst taten. Was aber trieben sie den lieben langen Tag? Waren sie die James Bonds unter dem roten Stern, Breschnews Iwan Bondowitschs, oder eher Apparatschiks an der unsichtbaren Front?

„Unser Berufsrisiko ist nicht so hoch wie bei der Feuerwehr“, sagt ein ranghoher Auskundschafter – die Dokumentation „KGB in Deutschland“ sieht das natürlich etwas anders. Im Zeitraffer, untermalt von dramatischen Toncollagen, erfährt der Zuschauer, was er schon immer geahnt hat: Dass da ein Geheimdienst versucht, im Kalten Krieg mit vielerlei Mitteln an Menschen und Materialien zu kommen, um dem Klassenfeind eins auszuwischen und sein technisches Know-how auszuspionieren.

Regisseur Matthias Unterburg hatte so viel Material, dass er die KGB-Aktivitäten in zwei Teile gepackt hat. Heute um 23 Uhr 15 (für welche Art Nachtgucker sind solche Sendeplätze mit spannenden Zeitdokumentationen gedacht?) läuft im Ersten „Attentäter und Agenten“, mit Auftragskillern in der Hauptrolle, die Ende der fünfziger Jahre der Öffentlichkeit im Westen bewusst machten, dass der Geheimdienst des Ostens skrupellos und mit einem ziemlich langen Arm in Bonner Gefilden wildert. Das geht bis zum berühmt-berüchtigten „Raketenklau“ von 1967, als der vom KGB geworbene Architekt Ramminger aus Krefeld zusammen mit seinem Fahrer und einem Piloten bei Nacht und Nebel eine amerikanische Luftabwehrrakete auf dem Fliegerhort Zell bei Neuburg entwendete, um sie in Einzelteilen per Lufthansa nach Moskau zu fliegen. Geld und Ehrgeiz waren die Motive – oder die Liebe.

Im zweiten Teil der Dokumentation, „Romeos und Residenten“ (läuft am 6. Dezember), erinnern hochrangige KGB-Leute und ihre von Jahr zu Jahr selbstbewusster agierenden Genossen von der Auslandsspionage der Stasi an „Honigfallen“, in die liebestrunkene Bundesbürger tappten, um dann, ausgesaugt, von ihren Bienen verlassen zu werden. Ex-Verfassungsschutzchef Hellenbroich erzählt, dass zeitweilig vier Sekretärinnen gleichzeitig im Bundeskanzleramt als Agentinnen tätig waren. Irgendwann gab es auch eine Rivalität zwischen Stasi und KGB – Mielke ließ KGB-Dienststellen anzapfen und hörte misstrauisch mit, was sich die „Freunde“ in ihren Karlshorster Wohnungen zu sagen hatten. Einer davon hieß Wladimir Putin aus der Dresdner Residentur. Außer ein paar privaten Fotos von Treffen mit deutschen Genossen erfährt man über seinen Job leider nichts.

Es ist eben alles ziemlich geheim beim Geheimdienst – nur das Ende des KGB war im Herbst 89 absehbar. Resigniert sagt der letzte Chef der DDR-Auslandsspionage, Werner Großmann: „Zum Schluss sind wir von Gorbatschow verkauft und von unserem Partnerdienst verlassen worden.“ Der arbeitet als FSB weiter, aber nun, wo es spannend werden könnte, bricht der Film leider ab.

„KGB in Deutschland, Teil 1 – Attentäter und Agenten“, ARD, 23 Uhr 15

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