Pychologische Hilfe : Wie Berliner Schulen auf den Amoklauf reagieren

Littleton, Erfurt, Emsdetten, Blacksburg – jetzt Winnenden. Vor kurzem hatte auch ein Berliner im Internet damit gedroht, alle seine Lehrer umzubringen. Echte Gefahr oder pubertäres Gerede: Wie wird der Vorfall in Winnenden in den Berliner Klassenzimmern diskutiert?

Hadija Haruna

Littleton, Erfurt, Emsdetten, Blacksburg – jetzt Winnenden. Viele Schüler reagieren mit Aggressionen, Wut, Verzweiflung und Gewalt auf erhöhten Leistungsdruck oder persönlichen Frust. Erst kürzlich hatte in Berlin ein 14-jähriger Schüler der Carlo-Schmid-Oberschule aus Spandau im Internet geschrieben, dass er alle Lehrer hasse und diese mit dem Sturmgewehr seiner Mutter umbringen wolle. Die Androhung stellte sich jedoch als „schlechter Scherz“ heraus.

Echte Gefahr oder pubertäres Gerede: Wie wird der Vorfall in Winnenden in den Berliner Klassenzimmern diskutiert? „Er wird sicher Gesprächsthema sein. Die Schulaufsicht und die Schulpsychologen sind informiert“, sagt Ria Uhle, die neue Referentin für Gewaltprävention an Berliner Schulen. Zudem berate ein schulpsychologisches 15-köpfiges Notfallteam Eltern, Schüler und Lehrer, die nun Fragen und Angst haben nach dem Amoklauf. Nach derartigen Vorfällen in den vergangenen Jahren sei es zu einer engen Kooperation zwischen den Schulen, den Schulpsychologen und der Polizei gekommen und ein spezieller Notfallplan sei ausgearbeitet worden.

Die Vorsitzende des Landeslehrerausschusses, Brigitte Wilhelm, will ebenfalls keine unnötige Aufregung erzeugen. „Ich werde die Schüler nicht ansprechen, sondern warte darauf, dass sie es tun.“ Bei einem Gespräch sei es wichtig, den Schülern die Angst zu nehmen und sich als Lehrer klarzumachen, dass man sehr sensibel mit der Psyche jedes einzelnen Schülers umgehen müsse. „Im Gespräch kann man versuchen, das Warum zu deuten, erklären kann man es kaum.“

Hysterie vermeiden – das rät auch der Schulpsychologe vom Berufsverband deutscher Psychologen, Klaus Seifried. Es gebe keine hundertprozentige Sicherheit vor Amoktätern. „Es wird auch immer wieder Jugendliche geben, die sich mit solchen Drohungen in Szene setzen, wichtig und bekannt werden wollen“, sagt Seifried, der in Tempelhof-Schöneberg die Schulpsychologie leitet. Im Vorfeld könne man aber Alarmsignale wahrnehmen. Auffällig seien besondere Formen von unkontrollierter Wut oder Gewaltdrohungen. Man solle aber auch auf Außenseiter achten, die sich zurückziehen. Lehrer sollten mit ihren Schülern über Gewaltvorfälle sprechen. „Meistens nehmen Mitschüler die Alarmsignale früher wahr als Lehrer oder Eltern.“

So war es auch im Fall des Schülers aus Spandau. Sein Schulfreund hatte die Polizei über dessen Drohung informiert. Die Problemschüler müssten integriert werden, und im Falle einer depressiven Stimmung müsse ein Experte eingeschaltet werden. „Die beste Prävention ist ein gutes Schul- und Klassenklima, ein soziales Miteinander und dass sich die Eltern um ihre Kinder kümmern und wissen, wenn es ihnen schlecht geht.“

Seifried bemängelt, dass in den Schulen zu wenige fachkundige Berater für die Schüler, Eltern und Lehrer zur Verfügung stünden. Die Vorsitzende des Landesschülerausschusses, Laura Fritsche, sieht das Problem in der fehlenden Bindung von Schülern und Vertrauenslehrern: „Wenn ein Schüler ihn nicht kennt, geht er nicht zu ihm. Das muss mehr über die Klassenlehrer laufen.“ Dazu müssten diese aber besser aufgeklärt werden, sagt Wilhelm. „Wir sind keine Psychologen.“ Zwar seien die Notfallpläne gut, aber wenn sie bei der Schulleitung liegen, nützten sie nichts.

Die Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, Rosemarie Seggelke, glaubt nicht, dass der Vorfall Panik auslösen wird. In Berlin gehe man sehr besonnen vor. Außerdem beweise der Fall des 14-jährigen Spandauers, wie schnell bei einem Verdacht gehandelt werden könne.

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