Qualität der Berliner Schulabschlüsse : Bildungssenatorin in Erklärungsnot

Bildungspolitiker der Regierungsfraktionen fordern Auskunft über die Neuregelungen zum Erreichen der Berliner Schulabschlüsse. Stimmt es, dass es für schwache Schüler mehr "Hintertürchen" gibt denn je?

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In Erklärungsnot. Die Verwaltung von von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) soll nun genau aufschlüsseln, welche Änderungen es in Bezug auf das Erreichen der Schulabschlüsse ab, als die Sekundarschule eingeführt wurde.
In Erklärungsnot. Die Verwaltung von von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) soll nun genau aufschlüsseln, welche Änderungen...Foto: Thilo Rückeis

Die Bildungspolitiker der Fraktionen von SPD und CDU verlangen Auskunft über die von Schulleitern beklagte Absenkung der Anforderungen bei den Schulabschlüssen der Zehntklässler. Bei ihrer gemeinsamen Sitzung mit Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) in der vergangenen Woche habe diese keine befriedigenden Antworten geben können. Deshalb habe man sich darauf geeinigt, dass es eine Aufschlüsselung der Veränderungen geben soll, die es mit Einführung der Sekundarschule gegeben habe.

„Eine Niveauabsenkung tragen wir nicht mit“, betonte der CDU-Abgeordnete Stefan Schlede. „Wir machen die Reform in der ehrlichen Hoffnung, dass wir bessere Ergebnisse bekommen“, stellte auch die Schulausschussvorsitzende Renate Harant (SPD) klar. Es gehe aber nicht an, dass diese besseren Ergebnisse durch geringere Anforderungen erkauft würden.

Wie berichtet, richtet sich die Empörung etlicher Schulleiter vor allem gegen das erleichterte Aufrücken in die gymnasiale Oberstufe. „Wir schicken die Schüler in ein Rennen, dass sie nicht gewinnen können“, bedauert der langjährige Vorsitzende der GEW-Schulleitervereinigung, Wolfgang Harnischfeger im Hinblick auf die Gefahr, dass mehr Schüler als bisher in der elften Klasse scheitern und mit diesem vermeidbaren Misserfolgserlebnis auf die Suche nach einen Ausbildungsplatz gehen müssen.

Verwunderung gibt es in den Schulen auch darüber, wie viele Möglichkeiten es jetzt für schwache Schüler gibt, doch noch irgendwie an den Mittleren Schulabschluss (MSA) zu kommen. So ist Sebastian Kergl, einem Mathematiklehrer der Lichterfelder Max-von-Laue-Sekundarschule, eine Sonderregel aufgefallen: Eltern können ihre Kinder auch dann zu den MSA-Prüfungen anmelden, wenn diese – anders als vorgeschrieben – nur in einem statt in zwei Fächern auf MSA-Niveau Unterricht hatten. „Die Eltern können einfach beantragen, dass ihr Kind in das höhere Niveau wechselt, auch wenn es die Leistungen dafür gar nicht bringt“, hat Kergl zu seiner Verwunderung festgestellt. Er habe „massenhaft“ solcher Anträge bekommen. „Früher war das nur in der neunten Klasse möglich, jetzt auch noch in der zehnten.“

Bei zwei Fünfen ist noch lange nicht Schluss

Die Familien rechnen sich offenbar gute Chancen aus, auch mit schwachen Leistungen den MSA zu erreichen, denn wenn man erstmal zu den Prüfungen zugelassen ist, kann kaum noch etwas schief gehen: Wer in den vier Prüfungen zwei Fünfen schreibt, ist immer noch nicht draußen, da man eine Fünf mit einer Nachprüfung wettmachen kann. Und die zweite Fünf lässt sich mit einer Drei ausgleichen, was ebenfalls nicht schwer ist, da einer der vier MSA-Prüfungen in einer Präsentation besteht, die selten mit einer Note unterhalb der Drei abgeschlossen wird. Diese Regelung ist allerdings nicht neu.

Die größte Hürde bleibt für die Berliner Zehntklässler die MSA-Mathematikprüfung. Ob auch sie leichter war als in der Vergangenheit oder nicht – darüber gehen die Meinungen auseinander. Die Einschätzungen reichen von „Grundschulniveau“ bis „angemessen“. „Wir sind uns darin einig, dass man mehr Aufgaben als sonst mit dem gesunden Menschenverstand lösen konnte“, fasst Sebastian Kergl die Meinung der Mathematikkollegen in der Max-von-Laue-Schule zusammen.

Eine Tempelhofer Mathematikkollegiin findet, „dass das Niveau niedriger war als sonst“. Das liege wohl daran, dass die Prüfung auch Aufgaben für die schwächeren Schüler enthielt, die nicht den MSA, sondern die erweiterte Berufsbildungsreife (eBBR) anstreben, vermutet sie ebenso wie eine Schulleiterin aus Pankow, die ebenfalls Mathematik unterrichtet.

Trotz der leichten Aufgaben sei die Arbeit aber miserabel ausgefallen, was an der umständlichen und „verkünstelten“ Sprache liege, in die die Textaufgaben verpackt seien. Die Aufgabe zur Wahrscheinlichkeitsrechnung sei im Übrigen so einfach, dass man sie lösen könne, ohne dieses Gebiet der Mathematik jemals in der Schule behandelt zu haben.

Das schwache Niveau der MSA-Aufgaben verstärkt den Ruf der Gymnasien, an diesen Prüfungen nicht mehr teilnehmen zu müssen, die während des Abiturs viele Kräfte binden. Der Verband der Oberstudiendirektoren fordert seit Jahren, dass die Gymnasiasten die zehnte Klasse besser nutzen sollten, um den Stoff der elften Klasse vorzubereiten, anstatt Aufgabentypen aus früheren Schuljahren zu wiederholen. Der Verband fordert, die Versetzung in die elfte Klasse als MSA anzuerkennen, um den Schülern und Lehrern den Aufwand der sinnlosen, da viel zu einfachen Prüfungen zu ersparen.

In Brandenburg müssen die Gymnasien nicht an den MSA-Prüfungen teilnehmen. Hier bekommen die Zehntklässler nur zentrale Arbeiten in Mathematik und Deutsch vorgelegt, die sich am Niveau der Gymnasien orientieren.

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