Berlin : Quartiersmanagement: Der Geldregen fällt auf hartes Pflaster

Katharina Körting

Mairegen macht schön. Die Alkoholiker morgens vor dem Supermarkt in der Kreuzberger Cuvrystraße nehmen das wörtlich. Als Abstelltisch für die Bierdosen dient ihnen der nasse Briefkasten, ein kleiner Baum bietet nur löchrigen Schutz - Alltag im Wrangelkiez. Hier, wo die rund 12 000 Bewohner es sich gefallen lassen müssen, als "Armenhaus Deutschlands" bezeichnet zu werden, weil über ein Drittel von ihnen am sozialen Tropf hängen, hat der Senat vor zwei Jahren eines von 15 Quartiersmanagements eingerichtet, um den Niedergang zu stoppen und "eine gesunde soziale Mischung" zu erzielen. Die ist noch lange nicht erreicht, aber nun, sozusagen nach der Probezeit, spendiert Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) jedem Quartier eine ganze Million Mark, zur freien Verfügung. Die Bürger sollen Anträge einreichen, was mit "ihrer" Million geschehen soll. Eine Jury aus Anwohnern und Initiativen entscheidet dann bis Oktober, welche Vorschläge realisiert werden. "Das Interesse der Leute hat sich dadurch natürlich verstärkt", sagt Yolanda Arias, die sich als Quartiersmanagerin durch den Wrangelkiez rangelt.

Auch vorher ist Geld geflossen. Die Personalkosten verschlingen allein rund 350 000 Mark jährlich pro Quartier, und die Projekte und Bauarbeiten kosten berlinweit noch einmal rund 60 Millionen Mark im Jahr. Doch der einzige direkt verfügbare Topf war bisher der so genannte Aktionsfonds mit je 30 000 Mark. Nach einem eher zögerlichen und kritisch beäugten Start ist die in Aussicht gestellte Million auch ein Signal, dass das Quartiersmanagement als erfolgreich erachtet wird. Doch wie berechnet man Erfolg in seit Jahrzehnten herunterkommenden Wohnvierteln, aus denen Besserverdienende und Familien flüchten?

"In jedem Gebiet gibt es wunderbare Projekte, sei es Sozialpalast, Boxhagener Platz oder Kottbusser Tor", sagt Monica Schümer-Strucksberg, Referatsleiterin "soziale Stadt" bei der Stadtentwicklungsbehörde. Zurzeit wird sogar geprüft, weitere Viertel mit Quartiersmanagern auszustatten und das Programm in ein längerfristiges umzuwandeln, ähnlich den Sanierungsgebieten. Einen langen Atem braucht besonders der Wrangelkiez. Hier ist die angepeilte "Identifikation" schon deshalb schwierig, weil es mindestens zwei Kieze in einem gibt: Die rund 30 Prozent Ausländer, vorwiegend Türken, haben kaum Kontakt zu den links-alternativ geprägten deutschen Nachbarn. Die Frau mit Kopftuch betritt eher selten den Bioladen, während in den ausschließlich türkisch beschrifteten Cafés ausschließlich türkische Männer ihren Kaffee trinken. Für die Jugend gibt es mehrere Bolzplätze, aber wegen territorialer Empfindlichkeiten der Gangs sind sie selten frei zugänglich. Die Altbauten sind auf viele Eigentümer verteilt, die bislang wenig Bereitschaft zur Mitarbeit zeigen.

Am Kottbusser Tor ist die Lage anders. Der Ausländeranteil ist ähnlich hoch, aber hier sitzen die Eigentümer längst mit im Boot: Das in den 70er Jahren errichtete hässlich-gelbe "Zentrum Kreuzberg" gehört einem Großeigentümer, dessen Verwalter hochengagiert ist. Der Komplex südlich der Hochbahn ist Eigentum der GSW, die ebenfalls versucht, die Situation für ihre Mieter zu verbessern. Eine Pförtnerloge wurde eingerichtet und die Zugänge geschlossen, damit die Wege nicht mehr als Open-Air-Drücker-Oasen missbraucht werden. Auch gegenüber, in den frisch gestrichenen Fluren des "Zentrums Kreuzberg", treffen die Mieter seit einiger Zeit keine Fixer mehr vor ihrer Wohnungstür.

Schümer-Strucksberg übt sich in vorsichtigem Optimismus: "Es bewegt sich was." Auch im Wrangelkiez. Das Quartiersmanagement kann zwar weder Arbeitsplätze, noch Mieter für die leer stehenden Läden herbeizaubern. Auch die Tatsache, dass in der Grundschulklasse neun von zehn Kindern schlecht deutsch sprechen, lässt sich nicht von heute auf morgen ändern. Aber die "weichen Faktoren" sind beeinflussbar: ein Spielplatz, begrünte Baumscheiben, ein neugegründeter Tauschring, eine monatliche Kiezzeitung. Und viele Ideen.

Die bisher 30 Anträge für den Millionen-Deal sind eher bescheiden: Ein Raum für Jugendliche, die künstlerisch arbeiten wollen, wird gewünscht. Die Kitas möchten mehr Bänke und Bäume auf der Straße. Die Fichtelgebirgsgrundschule braucht Geld, um ihren Schul- in einen Spielhof zu verwandeln. Einige machen Vorschläge, wie man das Müllproblem lösen kann. Und vielleicht kommt dann auch die von vielen ersehnte öffentliche Toilette. Dass der kleine Geldregen kein Klein-Zehlendorf aus dem Wrangelkiez machen wird, ist jedem klar. Aber ein bisschen schöner macht er ihn doch.

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