Quartiersmanagement : Einsatz in Kreuzkölln

Ilse Wolter und ihr Team vom Quartiersmanagement arbeiten im Reuterkiez. Das Viertel ist angesagt – und arm.

Rita Nikolow
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Vier für das Quartier. Luzia Weber, Hauke Prätzel, Ilse Wolter und Pinar Öztürk (v. links n. rechts) „managen“ den Reuterkiez. Der...Foto: David Heerde

BerlinDrei Dinge machen ihn aus, den Nord-Neuköllner Kiez zwischen Kottbusser Damm, Sonnenallee, dem Maybachufer und der Weichselstraße: Erstens: Kreuzberg ist nur ein paar Schritte entfernt, weshalb diese Gegend seit ein paar Jahren „Kreuzkölln“ genannt wird. Zweitens: Wer ein paar Tage nicht hier war, entdeckt schon wieder etwas Neues, eine weitere Bar oder kleine Galerie, die gerade erst aufgemacht hat. Und drittens: Trotzdem leben 65 Prozent der Kinder in diesem Gebiet in Haushalten, die sich ausschließlich durch Transferleistungen finanzieren. Und diese Familien kaufen ihre Kleidung eben lieber für ein paar Euro in einem der Läden, die Restposten aus London verkaufen als in den kleinen neueröffneten Boutiquen.

„Armut ist hier ein großes Thema“, sagt Ilse Wolter vom Quartiersmanagement Reuterplatz. Und auch, dass es in diesem Trend-Viertel noch immer eine Zweiteilung gibt zwischen den jungen, gut ausgebildeten Kreativen und jenen Langzeitarbeitslosen, die auf dem Arbeitsmarkt keine Chance mehr haben.Trotzdem tue es diesen Leuten natürlich gut, dass sich ihr Bezirk so belebt habe: „Als wir hier angefangen haben, waren die Straßen abends leer.“ Während heute immer viel los sei auf den Straßen und in den umliegenden Kaffees.

Ilse Wolter arbeitet seit sechs Jahren im Quartiersbüro in der Hobrechtstraße – zusammen mit drei Mitarbeiterinnen, von denen die eine, Luzia Weber, gerade zur Tür flitzt, weil es geklingelt hat. Und die zweite, Pinar Öztürk, vielleich etwas leichter mit den Migranten ins Gespräch kommt, weil sie einen türkischen Hintergrund hat. Zum Team gehören außerdem eine Organisationskraft und der Student Hauke Prätzel. Mit dem Quartiersmanagement beschäftigt sich die Diplom-Geografin Ilse Wolter aber schon, seit es dieses Instrument in Berlin gibt: Angefangen hat sie in der Schillerpromenade, ebenfalls Neukölln. 2003 wechselte sie dann in den Reuterkiez. Dort begann sie, die Schulhöfe, Kitafreiflächen und Spielplätze sanieren zu lassen. „Heute gibt es im Kiez kaum noch öffentliche Flächen, die nicht hergerichtet sind“, sagt Ilse Wolter.

Und kommt auf das zu sprechen, was den Kiez, zumindest in der Außenwahrnehmung, in den vergangenen Jahren am stärksten geprägt hat: Die Rütli-Schule und der Brandbrief der Lehrer – und die darauf folgende Stigmatisierung der Anwohner. Die – vielen Zeitungsartikeln und Fernsehbeiträgen zum Trotz – doch gar nicht in einem verkommenen Ghetto lebten. „Die Leute hier haben sich nach dem Brief stigmatisiert gefühlt“, sagt Ilse Wolter. Dabei gebe es diese Probleme, mit denen die Rütli-Schule zu kämpfen habe, doch auch an anderen Schulen. Damit es die Kinder in Nord-Neukölln künftig leichter haben, eine vorbildliche Bildungskarriere hinzulegen, arbeitet Ilse Wolter nun die Hälfte ihrer Zeit am Projekt „Campus Rütli“. Auf dem Gelände rund um die Rütli-Schule wurden und werden Grund- und weiterführende Schulen, Kindertagesstätten, der Kinder- und Jugendgesundheitsdienst und ein Jugendclub zu 50 000 Quadratmetern „verschmolzen“. Und zwar auch, damit den Kindern der Übergang von der Kita in die Grund- und Oberschule leichter fällt.Wenn alle Neu- und Umbauten fertig sind, sollen bis zu 1400 Kinder auf dem Campus zu einem guten Schulabschluss geführt werden.

Ein anderes Projekt, das im Quartiersbüro entstanden ist, sind die „interkulturellen Moderatoren“: „Damit die Kinder gut in der Schule sind, müssen wir die Eltern mit ins Boot holen“, sagt Ilse Wolter. Und das funktioniert am besten, wenn die Eltern mit Migrationshintergrund einen Ansprechpartner haben, der ihre Sprache versteht: An vier Schulen im Kiez arbeiten deshalb muttersprachliche türkische, arabische und serbokroatische Fachkräfte – die Hausbesuche machen und die Eltern dazu motivieren, ihre Kinder für die Schule zu begeistern.

„Die interkulturellen Moderatoren werden inzwischen nicht mehr durch das Stadtteilmanagement finanziert, sondern durch die Senatsverwaltung für Bildung“, sagt Ilse Wolter. Damit hat das Quartiersmanagent ein Projekt auf den Weg gebracht, dass nun unabhängig von den Managern weiterexistiert. Und damit seinen Auftrag erfüllt: Denn langfristig soll das Projekt den Kiez so stark machen, dass dieser auch von alleine funktioniert.

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