Berlin : Quartiersmanagement für Tauben

Tierschutzbeauftragter kündigt Umsiedlung der Vögel an – und berichtet über Kampfhunde, Braunbären und streunende Katzen

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Schräge Vögel. Zurzeit leben die meisten Stadttauben an Orten, an denen sie besonders stören und auch selbst gefährdet sind. Die gezielte Umsiedlung in Taubenschläge soll das Problem lösen. Andere Städte haben damit bereits Erfahrungen gesammelt. Foto: Berthold Stadler/ddp
Schräge Vögel. Zurzeit leben die meisten Stadttauben an Orten, an denen sie besonders stören und auch selbst gefährdet sind. Die...Foto: ddp

Die schätzungsweise 50 000 bis 60 000 Berliner Stadttauben sollen umziehen: weg von Bahnhöfen und Innenstadtkreuzungen, hin in extra errichtete Taubenschläge. Dort könnten auch verletzte und kranke Tiere behandelt sowie Eier aus der Brut genommen werden, um die Population zu verkleinern, kündigte Klaus Lüdcke, der Tierschutzbeauftragte des Senats, bei seiner gestrigen Jahresbilanz an. Lüdcke ist überzeugt, dass die Tauben auf Dauer das dortige artgerechte Futter den alten Brötchen vorziehen werden, mit denen sie jetzt oft gefüttert würden – zum Ärger der Mitmenschen, die eklige Kleckse von oben befürchten müssen. Immerhin sind die Tauben und ihr Dreck für Menschen bei normalem Umgang nach Auskunft von Lüdcke ungefährlich. Und: Rund die Hälfte der Population verschwindet ohnehin jedes Jahr – als Nahrung für Habichte und Wanderfalken.

Finanziert werden sollen die Taubenschläge von Bezirken und Jobcentern; das Projekt startet im September zunächst in Reinickendorf. Über die genauen Standorte schweigt sich das Bezirksamt noch aus, aber Bürgermeister Frank Balzer (CDU) stellt „bis zu 80 Prozent“ weniger Dreck in Aussicht, sofern die Tauben dann nirgendwo anders mehr gefüttert werden. Verboten ist die Taubenfütterung nicht, nur eben in der bisher üblichen Form unerwünscht und schädlich.

Lüdcke will nicht nur die Stadttauben umsiedeln, sondern auch die Bären vom Köllnischen Park: Nach aktueller Rechtslage sei die Haltung von Maxi und Schnute zwar artgerecht, aber das gelte nur bis zu einer bereits absehbaren Gesetzesänderung. Lüdcke riet, dem dann drohenden Zwangsumzug zuvorzukommen: Zwei von vier Auffangstationen in Deutschland seien bereits ausgebucht, sodass die Quartiersuche später höchst problematisch werden dürfte. Der Bezirk Mitte will das Thema nach der Sommerpause weiter verfolgen; als neue Heimat für die 23 und 28 Jahre alten Braunbären war bereits der „Bärenwald Müritz“ in Mecklenburg im Gespräch.

Ebenfalls noch ungelöst sind nach Auskunft von Lüdcke mehrere Hunde-Probleme: Im Auslaufgebiet im Grunewald zerstören Hunde Wald und Ufer, während zugleich manche Besitzer aggressiv auf jegliche Kritik reagierten. In den östlichen Stadtteilen wiederum fehle es an Auslaufgebieten. Nach Auskunft von Lüdcke ist in und um die ausgewiesenen Areale die „Tretminen“-Dichte relativ gering, sofern Tüten für den Kot vorhanden seien. Dagegen „würde ich über andere Gebiete lieber mit dem Hubschrauber fliegen“. Ein anderes Drama spiele sich im Verborgenen ab: Das chronisch überfüllte Tierheim Falkenberg beherberge noch immer 160 nicht vermittelbare Kampfhunde.

Weniger Sorgen bereiten Lüdcke die geschätzt mindestens 10 000 streunenden Katzen: Die meisten kämen dank Futterspenden gnädiger Senioren über die Runden, und den Hausverwaltungen bringe man sukzessive bei, dass Katzenfutterplätze entgegen einer verbreiteten Annahme keine Ratten anlockten: „Die Ratten sind doch keine Selbstmörder.“

Nach Auskunft von Umweltsenatorin Katrin Lompscher (Linke), bei deren Verwaltung der ehrenamtliche Tierschutzbeauftragte angesiedelt ist, sind auch die Zeiten der geschundenen Kutschpferde in Mitte vorbei: Die 2009 in Kraft getretenen Leitlinien würden kontrolliert – und eingehalten. Schwieriger sei die Lage bei Wildtieren in Zirkussen. Ein Verbot wäre „zeitgemäß und tierschutzgerecht“, müsse aber bundesweit geregelt werden.

Im vergangenen Jahr gingen rund 1100 Beschwerden und Hinweise in der Geschäftsstelle des Tierschutzbeauftragten ein – was den pensionierten Tierarzt Lüdcke nach eigener Auskunft an die Kapazitätsgrenze bringt. Man prüfe zwar jeden Fall, aber „die Antworten werden kürzer“.

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