30 Jahre Kulturzentrum "Begine" : Freiraum und Schutzraum für Frauen

Yoga, Salsa und lesbisches literarisches Quartett: Die "Begine", Kneipe und Kulturzentrum für Frauen, feiert Geburtstag. Bis heute verwalten ehemalige Hausbesetzerinnen die Potsdamer Straße 139.

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Begine-Mitarbeiterin Barbara Hoyer (rechts) war fast von Anfang an in der Begine dabei.
Begine-Mitarbeiterin Barbara Hoyer (rechts) war fast von Anfang an in der Begine dabei.Foto: Spiekermann-Klaas

An einem dunklen Holztisch sitzt Ute Kätzel mit einer Bekannten, gleich beginnt im Hinterraum ihr Salsa-Kurs. In den 90ern ist die 61-jährige Autorin, graue Locken, eckige Brille, nach Berlin gezogen. "Wegen der Frauen- und Lesbenszene", sagt sie. Seither kommt sie regelmäßig in die Begine, vor allem zu Treffen mit anderen Autorinnen oder älteren Lesben, die sich austauschen, wie sie ihr Alter gestalten. Die Wände sind orange gestrichen, in einer Ecke hängen die Zeitschriften "Emma" und "L-Mag". Eine silbern glitzernde Girlande verkündet: "30 Jahre Frauenpower".

Die Begine feiert Geburtstag. Sie ist Kneipe und Kulturzentrum für hetero- und homosexuelle Frauen, angesiedelt im Erdgeschoss der Potsdamer Straße 139 in Schöneberg. Vor 35 Jahren haben Frauen dieses Haus besetzt und den Verein "Zur Entwicklung neuer Lebensqualität für Frauen" gegründet. Bis heute verwalten sie darüber den gesamten Altbau.

Kneipenquiz und lesbisches literarisches Quartett

In der Begine treffen sich Gruppen wie Adefra, ein Verein Schwarzer Frauen in Deutschland, die feministische Partei "Die Frauen" oder IT-Expertinnen. Es gibt Freizeitangebote wie Yoga, Kneipenquiz und Doppelkopfrunden. Abende zum Kennenlernen für Singles über 40, Partys. Und Kulturveranstaltungen wie das lesbische literarische Quartett, eine Buchbesprechungsrunde nach dem Fernsehvorbild. "Eines unserer Highlights", sagt Begine-Mitarbeiterin Barbara Hoyer, 61, melierte Strickjacke, Jeans, kurze graue Haare. Hoyer arbeitet halbtags in der Begine. Zum Kernteam gehören außer ihr fünf Minijobberinnen und acht Ehrenamtliche.

"Wir sind vor allem ein Raum zum Austausch", sagt Hoyer. Jede Frau dürfe bei ihnen Veranstaltungen anbieten, auch, wenn sie vorher noch nie hier war. Nur Männer kommen in die Begine nicht rein. "Wir sind ein Schutzraum, und ein Freiraum", sagt Hoyer. Sie ist überzeugt: Dass sich hier nur Frauen treffen, ermöglicht andere Diskussionen und andere Themen. "Das schafft eine besondere Verbindung", sagt Hoyer. Trotzdem gebe es fast jedes Jahr eine Debatte, ob diese Regel aufrechterhalten werden soll, erzählt Hoyer. Nachdenklich faltet sie ihre Hände, schaut zur Decke. „Aber besonders junge Frauen machen uns immer wieder klar, dass sie so einen Schutzraum brauchen“, sagt sie.

In ihren Berliner Jahren war auch Audre Lorde hier

Auch junge Frauen kommen in die Begine, oft sind sie aber in der Minderheit. "Die meisten unserer Besucherinnen sind mit der Begine alt geworden", sagt Hoyer. Junge Frauen kämen vor allem bei bestimmten Themen, wenn es um neue feministische Theorien geht oder Transgender. Auch der Zusammenhang von Rassismus und Feminismus sei ein Thema, das junge Frauen sehr interessiere. "Neulich haben wir einen Film über die Schriftstellerin und Aktivistin Audre Lorde gezeigt", erzählt Hoyer. Da seien sehr viele junge Zuschauerinnen gekommen. Die US-Amerikanerin Lorde war Mitte der 1980er, Anfang der 1990er oft in der Hauptstadt, auch in der Begine. „Ich bin so glücklich, dass sie jetzt wieder entdeckt wird“, sagt Hoyer, die sie damals kennengelernt hat. "Das war eine Frau, die man nicht vergisst."

Vor 26 Jahren hat Hoyer in der Begine angefangen. Es sei erschreckend, wie wenig sich gesellschaftlich seither verändert habe. "Manchmal zähle ich auf Veranstaltungsplakaten, wie viele Frauen und wie viele Männer Vorträge halten", erzählt sie. Oft läge die Frauenquote bei nur zehn Prozent.

"Wo sollen die ganzen Frauen denn sonst hin?"

Für das Begine-Team ein Ansporn, weiterzumachen. Auch wenn sie sich manchmal sorgen, wie lange das geht, sagt Hoyer. "Das Haus gehört uns nicht, wir haben nur einen Nutzungsvertrag", sagt sie. Die Miete und die Arbeitsplätze der Begine finanziert die Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen. Vor Jahren standen sie schon einmal auf deren Streichliste. Die Begine müsse unbedingt erhalten bleiben, sagt Hoyer. "Wo sollen die ganzen Frauen denn sonst hin?", fragt sie. Dann muss sie los, damit sie nicht den kompletten Salsa-Kurs verpasst.

Drei Events zum 30. Jahrestag: Sonntag, 23. 10., ab 15 Uhr Tag der offenen Tür, auch für Männer. Am 29.10. Künstlerinnenrevue. Am 5.11. Jubiläumsparty.

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