Ausstellung zu Geschlechterdiskriminierung im Sport : DFB bedeutet drakonische Fliegenbeißer

Überraschend und verstörend: Die Berliner Ausstellung „Contesting/Contexting Sport“ beklagt Diskriminierung, Rassismus und Homophobie im Sport.

Julius Heinrichs
Neue Abkürzungen. Maria Moltenis Arbeit „Acronym Anarchy“.
Neue Abkürzungen. Maria Moltenis Arbeit „Acronym Anarchy“.Foto: NBGK

Die Augen starr, die Gesichtszüge angespannt, der Mund leicht gekräuselt. Turnerinnen bei den Olympischen Spielen, direkt vor ihrem Auftritt. Überschminkte Gesichter, umgeben von funktionalen Frisuren: Die Künstlerin Katja Stuke zeigt sie im Großformat, fotografiert direkt vor dem Fernsehbildschirm. Die jungen Erwachsenen, die nicht so aussehen, als seien sie Erwachsene, stammen aus verschiedenen Mannschaften verschiedener Jahre. „Supranatural“ heißt Stukes Fotoserie. Unschwer zu erkennen warum, egal wann, egal welche Nation: Die Leistungssportlerinnen gleichen sich in Ausdruck, Anspannung und ihren beinahe unvorstellbaren Leistungen. In Rio werden diese Gesichtsausdrücke wieder zu sehen sein.

Die Bilder sind Teil der Ausstellung „Contesting/Contexting Sport 2016“ der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst (NGBK). Sie will weg von der Idee jener „Oh-wie-schön-tralala“-Sport-Einspieler, wie sie bei sportlichen Großereignissen im Fernsehen rauf und runter zu sehen sind. „Sport prägt Individuen. Und meistens schränkt er sie ein“, sagt Željko Blace, einer der Kuratoren der Ausstellung.

Einerseits, weil er die Entwicklung Jugendlicher einschränken könne. Andererseits, weil Sport diskriminiere. Die Liste der Vorwürfe, die die Ausstellung erhebt, ist lang: Rassismus, Sexismus, Kolonialismus. Dazu Homo-, Bi- und Transphobie. Sowie Altersdiskriminierung und Behindertenfeindlichkeit.

Mit dem Gender-Korb trifft niemand mehr

Der Fokus im NGBK jedoch liegt auf der Geschlechter-Diskriminierung: Da ist der genderneutrale Basketballkorb von Llobet & Pons („No one wins“), der so hoch hängt und so klein ist, dass kein Geschlecht je einen Ball hindurchwerfen kann. Sonst nämlich, so die Idee, wird auf einen Korb gespielt, den zu treffen für Männer ein Leichtes, für Frauen jedoch eine Herausforderung darstellt. Mit dem Gender-Korb trifft eben niemand mehr.

Da ist der Transgender-Artist Heather Cassils (zuletzt bejubelt und beschimpft wegen des Plakats zur Ausstellung „Homosexualität_en“), der die Veränderung des eigenen Körpers via Bodybuilding und Diät von einem weiblichen Körper zu einem männlicheren dokumentiert.

Die Ausstellung gliedert sich in zwei Teile. Der einführende im NBGK zeigt einen ausschließlich künstlerischen Umgang mit Diskriminierung und festen Rollenbildern im Sport. Im Kunstraum Bethanien geht es stattdessen eher dokumentarisch zu: Welche Entwicklungen gab es im Sport bisher? Wie sieht der Status quo aus? Wo sind Veränderungen möglich? „Alle denken, der Sport sei etwas Gegebenes, Starres“, so Blace. „Dabei ist dem ganz anders.“

Vorgestellt werden queere Sportgruppen

Er selbst weiß das, ist Initiator queerer, also nicht-heterosexueller Sportgruppen. Bekannte oder zumindest interessante queere Sportgruppen stellt der Community-Raum der Ausstellung vor: die Aquahomos aus Frankreich zum Beispiel oder das Guerreiras-Projekt aus Brasilien. „Contesting/Contexting Sport 2016“ versucht, sich dem Sport in Kunst, Aktivismus und Wissenschaft zu nähern. Die Beiträge begeistern, erklären, überraschen und verstören, insgesamt aber überfordern sie. Trotz auflockernder interaktiver Elemente.

Das Werk „Acronym Anarchy“ von der amerikanischen Künstlerin Maria Molteni beispielsweise lädt zum eigenen Beschriften ein. Auf einer schwarzen Wand stehen Abkürzungen bekannter Sportverbände: FIFA, UEFA, IOC und DFB. Besucher nun sollen schreiben, wofür diese Abkürzungen noch stehen könnten. „Drakonische Fliegen Beißer“ schrieb jemand zum DFB. Oder „Dünne FußballerBeine.“

Nicht immer lässt sich ein Diskriminierungszusammenhang ziehen

Insgesamt zu viele Themen stehen im Fokus der Ausstellung – zusätzlich: Polizeigewalt, die Situation in den Favelas Rios, Korruption. Die Ausstellung erhebt den mahnenden Zeigefinger dabei so oft, dass es ermüdet. Nicht immer ist der Zeigefinger jedoch auch zu erkennen. Zu den meisten Werken in der NGBK gibt es keine Erklärung. Von der Hand mit etlichen Metern Wurst-Arm beispielsweise („T. W. verlängert“ von Kathrin Rabenort) oder dem aufgeschnippelten, nett verzierten Boxsack („Blando“ von Saúl Sellés) lässt sich ohne Hilfestellung kein Diskriminierungszusammenhang ziehen. Zum Glück gibt es wöchentliche Führungen, die dafür sorgen, dass Besucher nicht so konzentriert dastehen müssen wie die präsentierten Turnerinnen vor ihrer Prüfung.

- NGBK, Oranienstraße 25, bis 28.8.; Sa bis Di 12–19 Uhr, Mi bis Fr 12–20 Uhr, sowie im Kunstraum Bethanien, Mariannenplatz 2, täglich 11–20 Uhr

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