Ballons steigen lassen? Zu politisch! : Zeche Zollverein schließt schwule und lesbische Jugendliche aus

Die Zeche Zollverein gehört zum Weltkulturerbe und ist stolz auf ihr "vielfältiges" kulturelles Angebot. Doch schwulen und lesbischen Jugendlichen wurde am Tag gegen Homophobie der Zutritt verweigert - andere Besucher könnten sich gestört fühlen.

von
Luftballons in Herzform steigen lassen? Das könnte andere Besucher stören, befand die Zeche Zollverein.
Luftballons in Herzform steigen lassen? Das könnte andere Besucher stören, befand die Zeche Zollverein.Foto: picture-alliance/dpa

Die Zeche Zollverein in Essen war einst die größte Steinkohlenzeche der Welt. Heute steht das denkmalgeschützte Ensemble für den Übergang des Ruhrgebiets vom Kohlen- zum Kulturstandort, wurden dort doch nach der Schließung Museen und Messen angesiedelt, finden dort kulturelle Aufführungen wie private Feste statt. Stolz ist man in Essen nicht nur darauf, seit 2001 zum Unesco-Weltkulturerbe zu gehören, sondern auch, „die größte Eventlocation des Ruhrgebiets“ zu sein, wie es auf der Webseite des Zollvereins steht. „Wo früher die Bergleute und Koker ‚malochten’ und heute viele Menschen neue Ideen, Kunst und Kultur produzieren, spiegelt sich der Wandel einer ganzen Region wieder“, wirbt der Zollverein für sich, und weiter: „Ein hochkarätiges und vielfältiges Angebot erwartet sie!“

Jugendliche wollen Ballons steigen lassen - zu politisch

Mit der Vielfalt scheint es allerdings aufzuhören, wenn lesbische und schwule Jugendliche als Zeichen gegen Homophobie auf dem Gelände Luftballons in Herzform steigen lassen wollen. Genau das plante der Verein „SVLS“, eine LGBT-Beratungsinitiative in Nordrhein-Westfalen, anlässlich des Internationalen Aktionstags gegen Homo- und Transphobie am vergangenen Sonntag. Doch der Zollverein lehnte das Ansinnen zur großen Überraschung von SVLS ab.

In einer Mail, die dem Tagesspiegel vorliegt, begründet der Zollverein die Absage folgendermaßen: „Das Unesco-Welterbe ist ein weltoffener Ort, der auch von vielen Familien und Kindern besucht wird. Da wir bemüht sind, allen Besuchern einen ungestörten Besuch des Welterbes zu ermöglichen, kann die Stiftung Zollverein die beschriebene Aktion leider nicht genehmigen.“ Die Anfrage müsse also – „nach Rücksprache mit unserem Vorstand und unserer Pressesprecherin“ – abschlägig beschieden werden.

Die Botschaft: Homos sind nicht erwünscht

Vor allem für die Jugendlichen sei das ein Schlag ins Gesicht gewesen, sagt Suse von Nordheim von SVLS: „Die Botschaft lautet ja wohl: Solange hier Familien und Kinder sind, sind Homosexuelle nicht erwünscht.“ Eigentlich sollte die Aktion der Höhepunkt eines Ausflugs mit lesbischen und schwulen Jugendlichen sein, sagt von Nordheim. Man wollte gemeinsam picknicken, und danach die Ballons loslassen, an denen eine Karte mit der Aufschrift „Mein Herz schlägt für Vielfalt“ hängen sollte. Der SVLS habe mehrere Wochen im voraus angefragt, ob der Zollverein damit einverstanden sei. „Wir wollten höflich sein, denn das ist ja streng genommen kein öffentlicher Raum“, sagt von Nordheim. Die Absage kam dann erst eine Woche vor der geplanten Aktion. Die Gruppe wich schließlich auf einen angrenzenden Park aus.

Die Zeche Zollverein hält an der Absage fest

Gegenüber der "WAZ" bedauerte die Stiftung Zollverein inzwischen zwar, dass die Absage der Aktion wohl missverständlich formuliert war. Dennoch halte man an dem Recht fest „Veranstaltungen eine Absage zu erteilen, die darauf zielen, Zollverein als Plattform für politisch und weltanschaulich motivierte Meinungsäußerungen zu nutzen“.

Auf Nachfrage des Tagesspiegels, was genau Besucher an einer Gruppe von lesbischen und schwulen Jugendlichen sowie Luftballons in Herzform stören könnte, antwortete der Zollverein, jede genehmigte Veranstaltung sei "im Rahmen der Fürsorgepflicht personell zu betreuen". Aufgrund mangelnden Personals sei das an dem Tag aber nicht möglich gewesen. Zeitgleich hätten eine Marathon und der Internationale Museumstag auf dem Gelände stattgefunden. Ansonsten versuchte sich der Verein in Schadensbegrenzung: "Uns ist bewusst geworden, dass unsere Entscheidung die Gefühle vieler Menschen verletzt hat". Man suche "mit allen Betroffenen" das Gespräch. Die Absage habe sich "weder gegen die Einrichtung selbst noch gegen die mit ihr verbundenen Menschen" und auch nicht gegen die mit der Aktion verbundenen Ziele gerichtet. Man habe aus dem Vorfall gelernt und werde künftig sensibler vorgehen, sagt Ute Durchholz, Sprecherin der Stiftung Zollverein.

Politische Parteien sind dagegen willkommen

Und was hält der Zollverein nun grundsätzlich für zulässige „politisch und weltanschaulich motivierte Meinungsäußerungen“? Die Kultusministerkonferenz jedenfalls durfte bereits auf dem Gelände tagen. Auch Veranstaltungen von politischen Parteien hält der Zollverein nicht für anstößig. Ganz im Gegenteil wurden in der Vergangenheit Veranstaltungen verschiedener Parteien zugelassen, wie der Essener Bundestagsabgeordnete Kai Gehring (Grüne) in einem Statement schreibt. Er kritisiert die Argumentation des Zollvereins deshalb als "absolut widersprüchlich": "Die Ablehnung ist menschenrechtspolitisch blind und schlicht diskriminierend." Gerade eine Weltkulturerbe-Stätte sollte ein "Raum sein für das Eintreten für Menschenrechten und die Gleichwertigkeit aller Menschen". Durchholz versichert nun, selbstverständlich sei grundsätzlich alles erlaubt, was verfassungskonform sei.

Internationaler Tag gegen Homo- und Transphobie in Berlin
Unsere Leser haben uns Bilder von "ihrem" Kiss-In geschickt: Wie Constantin und Timo, die am Kottbusser Tor auch dabei waren und dem Queerspiegel dieses Foto mailten.Weitere Bilder anzeigen
1 von 13Foto: promo
18.05.2015 12:39Unsere Leser haben uns Bilder von "ihrem" Kiss-In geschickt: Wie Constantin und Timo, die am Kottbusser Tor auch dabei waren und...

Nach der Schließung der Zeche im Jahr 1986 kaufte das Land Nordrhein-Westfalen das Gelände von der Ruhrkohle AG, viel Staatsgeld ist in den Zollverein geflossen. Das Land sitzt noch heute mit Vertretern des Familienministeriums sowie des Bauministeriums im Stiftungsrat. Am Freitag teilte Bau- und Stadtentwicklungsminister Michael Groschek auf Anfrage mit, er halte die Absage für "inakzeptabel und beschämend". Er erwarte, dass die Zeche Zollverein bei künftigen derartigen Entscheidungen die Menschenrechte und Gleichwertigkeit aller Menschen zu Grunde lege.

Hetero-Trauungen sind dagegen gerne gesehen

Manifestationen von Heterosexualität findet der Zollverein indes weltanschaulich weniger problematisch. Die Webseite wirbt mit einem Brautpaar - sie lang in weiß, er in schwarzem Anzug - für Trauungen, die in der Zeche stattfinden: „Paare, die etwas Außergewöhnliches suchen, können auf dem Welterbe einen der schönsten gemeinsamen Momente im Leben zum unvergesslichen Erlebnis machen.“ Homosexuelle Paare dürften sich künftig wohl weniger willkommen fühlen, das Schließen ihrer eingetragenen Partnerschaft im Zollverein zu feiern - auch wenn der Zollverein sagt, selbstverständlich freue man sich auch über gleichgeschlechtliche Trauungen.

Dieser Text erscheint auf dem Queerspiegel, dem neuen queeren Blog des Tagesspiegels, den Sie hier finden. Themenanregungen und Kritik gern im Kommentarbereich etwas weiter unten auf dieser Seite oder per Email an:queer@tagesspiegel.de. Twittern Sie mit unter dem Hashtag #Queerspiegel – zum Twitterfeed zum Queerspiegel geht es hier.

 

Autor

Queerspiegel - Der Tagesspiegel-Blog für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen und für alle, für die die Welt bunt wie ein Regenbogen ist.

63 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben