Berliner HIV-Forscher fordert mehr Engagement : „Wir brauchen dringend einen Runden Tisch“

Der Infektiologe Keikawus Arastéh fordert einen runden Tisch zur medizinischen Versorgung von Flüchtlingen - und spricht über die Behandlung von HIV.

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Keikawus Arastéh ist Chefarzt des Zentrums für Infektiologie und HIV am Vivantes-Klinikum Auguste Viktoria in Berlin-Friedenau.
Keikawus Arastéh ist Chefarzt des Zentrums für Infektiologie und HIV am Vivantes-Klinikum Auguste Viktoria in Berlin-Friedenau.Foto: Vivantes-Klinikum

Das „Schöneberger Modell“ für Patienten mit HIV und Aids gilt seit mehr als zwei Jahrzehnten weltweit als vorbildlich. Warum?

Die eigentliche Ursache für den Erfolg ist, dass seit 1985 zwischen niedergelassenen Kollegen vom Arbeitskreis Aids, der Berliner Aids-Hilfe und uns vom Auguste-Viktoria-Klinikum eine intensive Vertrauensbildung stattgefunden hat. So konnten wir schon früh die ambulanten und stationären Angebote für Menschen mit HIV und Aids vernetzen. Das Modell hält, und das trotz vieler Reformen im Gesundheitssystem. Bezahlung ist dabei nicht unsere Eintrittspforte: Ich weiß, wen ich anrufen kann, wenn jemand mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus und ohne Versicherung hier im Krankenhaus ankommt.

Zieht Berlin als „Therapie-Hauptstadt“ nun verstärkt HIV-Positive aus aller Welt an?

Ich denke, so kann man das nicht betrachten. Unter der wachsenden Zahl von Flüchtlingen ist natürlich auch ein kleiner Prozentsatz von Menschen mit verschiedenen Krankheiten. Sie kommen nicht primär wegen der medizinischen Versorgung. Doch es suchen auch Menschen Asyl, die in Todesangst leben, weil es in ihren Herkunftsländern Verachtung für ihre sexuelle Orientierung gibt. Wir brauchen dringend einen Runden Tisch, der sich der medizinischen Versorgung von Flüchtlingen widmet. Was HIV und Aids betrifft, so sind die Strukturen dafür vorhanden.

Welche großen Fortschritte hat es seit Beginn der antiretroviralen Therapie (ART) in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts gegeben?

Bevor es die kombinierte antiretrovirale Therapie gab, starben Infizierte im Schnitt 18 Monate, nachdem die Diagnose gestellt wurde. Wir haben ihnen geraten, ihre letzten Dinge zu ordnen. Jetzt können sie unter der Behandlung mit einer annähernd normalen Lebensperspektive rechnen, wenn es keine Komplikationen gibt. Man muss sein Leben nicht mehr grundlegend ändern, weil man HIV hat. Wir wissen außerdem viel mehr über die Langzeit-Nebenwirkungen verschiedener Substanzen und können versuchen, sie zu meiden.

Ist die Behandlung individueller geworden?

Meist reicht es zu Beginn der Behandlung, eine Tablette am Tag zu nehmen. Uns stehen zwei starke Kombinationen von Substanzen zur Verfügung, die als Basis der Therapie gelten und mit einer weiteren Substanz zusammen in eine Tablette gepresst werden. Wenn es Begleiterkrankungen gibt oder das Virus Resistenzen entwickelt hat, sind eventuell auch mehrere Tabletten am Tag nötig.

Ist aus Ihrer Sicht auch die Sorglosigkeit größer geworden, weil es inzwischen eine Behandlung gibt?

Für jeden Einzelnen ist es nach wie vor ein Schock, wenn er die Mitteilung bekommt, infiziert zu sein. Doch das Thema Vorbeugung ist vielfältiger geworden. Dass es inzwischen auch andere Möglichkeiten gibt als das Kondom, nutzt der Prävention. Das muss man realistisch sehen.

Welche Möglichkeiten zur Vorbeugung sind das?

Wenn das Virus bei jemandem, der die Medikamente nimmt, jahrelang unter der Nachweisgrenze bleibt und er oder sie mehr als ein halbes Jahr lang in einer festen Partnerschaft lebt, dann ist es verantwortbar, das Kondom wegzulassen. Das haben Studien gezeigt. Inzwischen gibt es aber auch ein Mittel, das zwei der Wirkstoffe enthält, die aus der ART bekannt sind, und das man zur Vorbeugung einnehmen kann. Diese Pille zur sogenannten Präexpositionsprophylaxe (PreP) ist in den USA bereits zugelassen.

Welche Durchbrüche in der Behandlung von HIV und Aids wünschen Sie sich am meisten?

Die Suche nach einem Impfstoff verlief bisher eher enttäuschend. Mein größter Wunsch ist deshalb, dass wir HIV restlos aus dem Körper vertreiben können. Bei einem Patienten in Berlin hat das ja schon geklappt. Ihm wurden Stammzellen transplantiert – allerdings wegen seiner Leukämie. Doch daraus lassen sich möglicherweise Ideen für ein Medikament entwickeln. Das wäre ein Traum.

Keikawus Arastéh ist Chefarzt des Zentrums für Infektiologie und HIV am Vivantes-Klinikum Auguste Viktoria in Berlin-Friedenau.

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