Berliner Studie zur Altenpflege : Die queere Angst vorm Pflegeheim

Die Angst vor dem Einzug ins Pflegeheim ist bei queeren Menschen besonders hoch. Eine Berliner Hochschule erforscht jetzt die Herausforderungen der Altenpflege von Homosexuellen und Transsexuellen.

Julia Sergon
Viele haben Angst davor, im Alter von Dritten abhängig zu werden.
Viele haben Angst davor, im Alter von Dritten abhängig zu werden.Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

Respekt vor dem Einzug ins Pflegeheim hat jeder. Dass die Angst davor bei Personen, die LSBTI sind (lesbisch, schwul, bi, trans oder intersexuell), noch stärker ausgeprägt ist, zeigen qualitative Umfragen des Projekts „Gleichgeschlechtliche Lebensweisen und Pflege im Alter“ (GLEPA), das vom Berliner Institut für Angewandte Forschung (IFAF) gefördert wird. Von Juli 2015 bis Juli 2017 erforschen hierbei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Alice Salomon Hochschule und der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin die besonderen Herausforderungen des Alters und der Altenpflege von LSBTI.

„Die Generation, die im Moment in das pflegebedürftige Alter kommt, ist noch mit dem Paragrafen 175 groß geworden. Viele haben Angst, erneut Ausgrenzung zu erfahren, und davor, im Alter zunehmend von Dritten abhängig zu werden“, sagt Ralf Lottmann von der ASH. Er gehört zum Projektteam und hat die internationale Fachtagung organisiert, die jetzt in Berlin stattfand. Es ist die erste europaweit zu diesem Thema. Finanziert wird sie von der DFG.

Der Forschungsschwerpunkt sei in Deutschland im Bereich der Gerontologie bisher ein Alleinstellungsmerkmal, sagt Lottmann: „Deswegen ist uns der internationale Austausch wichtig.“ Einer der Konferenzteilnehmer ist Martin Moerings aus den Niederlanden. Der Gründer von „Pink Passkey“, einem Zertifikat für den Umgang mit LSBTI in Altenheimen und der mobilen Pflege, lässt das Fachpublikum an seinen Erfahrungen an der Weiterbildungsarbeit mit Pflegepersonal teilhaben.

Oft fehlt Erfahrung im Umgang mit queeren Patienten

Genauso wie in den Umfragen des IFAF-Projekts spielen auch hier Berührungsängste, fehlende Erfahrungen im Umgang mit Patienten mit LSBTI-Hintergrund und zeitliche Engpässe für persönliche Gespräche eine Rolle. „Im Moment ist durch die Auslastung des Personals im Bereich der Pflege grundsätzlich kaum Biografiearbeit möglich. Deswegen ist eines unserer Ziele, hier wieder mehr Raum für Individualität zu erreichen, auch über den queeren Bereich hinaus“, berichtet Lottmann.

Angesetzt werden soll dabei in den betreffenden Fachbereichen der Berufsschulen und Universitäten sowie bei bereits ausgebildetem Pflegepersonal. Dafür ist unter anderem auch eine Übertragung des „Pink Passkey“ mit einer entsprechenden Anpassung an deutsche Prozesse denkbar. „Zudem haben wir gemerkt, dass auch die Leitungspositionen von Pflegeeinrichtungen in der Kommunikation sensibilisiert werden sollten, wenn Patienten nicht von schwulen oder lesbischen Mitarbeitern betreut werden möchten“, sagt Lottmann.

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