Bundesrepublik und Paragraf 175 : Homosexuelle berichten über ihre Verfolgung unter Adenauer

Homosexuelle wurden in der jungen Bundesrepublik verfolgt. Für ein weltweit einzigartiges Videoarchiv erzählen Betroffene von ihren Schicksalen

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Klaus Born ist einer der Zeitzeugen, der seine Geschichte im Videoarchiv erzählt hat.
Klaus Born ist einer der Zeitzeugen, der seine Geschichte im Videoarchiv erzählt hat.Foto: promo/MH

„Die widernatürliche Unzucht zwischen Personen männlichen Geschlechts ist mit Gefängnis zu bestrafen", hieß es 1871 unter Paragraf 175, RStGB. Homosexuelle Handlungen dieser Art führten zur „Entartung des Volkes und dem Verfall seiner Kraft“. Vor allem schwule Männer, aber auch Lesben, Trans- und Interpersonen wurden in der Kaiserzeit, in der Weimarer Republik und vor allem während der NS-Regimes diskriminiert, verfolgt, eingesperrt und ermordet. Unter Adolf Hitler wurde Paragraf 175 verschärft, etwa 50 000 Menschen wurden verurteilt, rund 15 000 Schwule in Vernichtungslagern ermordet. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam Deutschland ein neues Grundgesetz, neue Strafgesetzbücher. Darin enthalten war auch, nahezu unverändert, Paragraf 175 in der Nazifassung von 1933.

Die Tradition der Schwulenverfolgung wurde in der Adenauerzeit fortgesetzt

Die Tradition der Schwulenverfolgung wurde in der Adenauerzeit fortgesetzt. Ein biederes, normiertes und normierendes Gesellschaftsklima führte dazu, dass viele queere Menschen – also Menschen, die nicht der heterosexuellen Geschlechternorm entsprechen – , sich selten anderen Menschen anvertrauten, gleichzeitig folgte die Bundesrepublik weiter der juristischen Linie von zuvor. Rund 50 000 Männer wurden nach Schätzungen der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld allein zwischen 1949 und 1969 verurteilt. Es liegt in der Natur der Sache und der Zeit, dass sich nicht viele zeitgeschichtliche Dokumente zu Homosexualität in der frühen BRD finden lassen. Die 2011 gegründete Bundesstiftung hat es zu einer ihrer Hauptaufgaben gemacht, die Erinnerung daran neu zu beleben.

Wissenschaftler der Stiftung haben im Herbst 2013 begonnen, ein weltweit einzigartiges Videoarchiv für lebensgeschichtliche Interviews mit Zeitzeugen aufzubauen. Mittlerweile sind 24 mehrstündige Videointerviews zusammengekommen, von unmittelbar oder mittelbar vom Paragrafen 175 betroffene Menschen: Bisher sind es eine Transfrau und etwa zu gleichen Teilen Lesben und Schwule.

Die Interviewten erzählen ihre Geschichte, wie sie es wollen, und setzen ihre Schwerpunkte selbst. Die Interviewer begleiten die Zeitzeugen, versuchen durch Nachfragen unklare Abschnitte näher erläutern zu lassen – und hören zu. Ein halboffenes, narratives lebensgeschichtliches Interview nennt man das in den Geschichtswissenschaften. In dieser Form entstehen ausführliche Videos, zwischen 90 Minuten und elf Stunden lang. Die meisten Teilnehmer haben so noch nie mit jemandem über ihre Homosexualität gesprochen, manche nur mit Freuden oder der Familie. Es gibt auch einige, die im Video das erste Mal über ihre Homosexualität sprechen. Daher hat auch jeder Interviewte die Möglichkeit zu entscheiden, wie öffentlich das Interview sein soll. Es gibt für jeden Teilnehmer einen individuellen Vertrag, der die Freigabe für Forschungszwecke oder Bildungszwecke regelt, manche stellen ihre Videos auch für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung.

Was bedeutete es, in den 60er Jahren offen homosexuell zu sein?

Den Befragten sei es wichtig, dass mit ihren Interviews etwas gemacht wird, sagt der Projektleiter Daniel Baranowski. Es gehe darum, klarzumachen, was es bedeutet hat, in den 50er und 60er Jahren jung gewesen zu sein und sich zu seiner Homosexualität zu bekennen. Das Vorbild des Projekts ist das „Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies“ an der Yale University, das in den 70er Jahren erstmals ein solch groß angelegtes Videoarchiv aufbaute. Mehr als 4400 Videointerviews von Holocaust-Überlebenden sind über die vergangenen 45 Jahre zusammengekommen.

Das Videoprojekt der Hirschfeld-Stiftung steht am Anfang, wächst aber schnell. Außerdem beginnt die Stiftung mit ersten Bildungsprojekten. Ende des Jahres wird eines fertig, das vom Familienministerium gefördert ist. Aus den langen Interviews wurden kurze Fassungen geschnitten, mit denen Schüler und junge Erwachsene arbeiten können. Das Videoprojekt ist fortdauernd. „Wir sind offen für neue Interessenten“, sagt Baranowski.

- Dieser Text erschien im gedruckten Tagesspiegel auf dem Sonderthema "Homosexualität und Gesellschaft". 

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