Clubkultur : Warum ich als Hetero lieber auf Gay-Partys gehe

Auf Hetero-Partys verhalten sich Männer wie potenzielle Gemeingefährder, auf queeren Partys haben sie einfach Spaß. Deshalb geht unser heterosexueller Autor lieber queer feiern.

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Queer feiern - wie hier im Schwuz in Neukölln.
Queer feiern - wie hier im Schwuz in Neukölln.Foto: Tilmann Warnecke/Tsp

In der Clubschlange reißen sich auch die gröbsten Pöbler kurz zusammen. Grade stehen, nett bleiben. Sozialverträglichkeit vorgaukeln. Und rein. Doch kaum passiert der Fuß die Türschwelle, werden die grundsätzlichsten Regeln menschlichen Miteinanders ad acta gelegt. Der heterosexuelle Partypöbel verwandelt noch den letzten Szene-Club in eine Dorfdisco.

Literweise Gin Tonic fließt. Der Angetrunkene benimmt sich wie Tarzan und greift zu, wenn ihm danach ist.

Widerworte? Gelten nicht. Ein „Nein“ ist im Gesetzbuch des Dschungels nirgends zu finden. Im dichten Gedränge und Geschubse des Dancefloors erlebt jede Frau im Laufe ihres Partylebens ihre kleine, ganz persönliche Kölner Silvesternacht. Es bleiben Flucht und Frust.

Aber eigentlich haben sie Angst: Vor Frauen, vor Zurückweisung

Ein Rempler von links, von rechts lallt irgendjemand irgendetwas, man kann es nicht verstehen, aber es ist auch egal, denn die Aussicht auf Kommunikation jenseits der Fremdschamgrenze ist ohnehin gering.

In der Kloschlange betrachten sich die Menschen im Spiegel, schielen auf den kümmerlichen Bizeps. Sie sind meist in Rudeln unterwegs, vordergründig kann ihnen keiner was. Aber eigentlich haben sie Angst. Angst vor Frauen. Angst vor Zurückweisung. Aggressivität hilft darüber hinweg. Wer sich ohnehin wenig Chancen ausrechnet, kann gleich zum Frontalangriff übergehen. Anfassen. Umarmen. Küssen. Festhalten. Schlimmeres. Außerhalb des Clubs wären dies justiziable Übergriffe. Hier sind sie Teil des Spiels.

Spielfeldwechsel. Männer in engen schwarzen Hochwasserhosen und ausgeleierten Tanktops stehen in der Schlange und schlürfen die letzten Reste aus ihrem Piccolo. Die Stimmung ist ausgelassen, man herzt sich, lacht. Grüßt. Viele rufen. Keiner schreit.

Queere Clubs: Herzenswärme durchzieht die Location

Auch hier fließt Gin Tonic. Aber der Alkohol verwandelt niemanden in einen potenziellen Gemeingefährder. Herzenswärme durchzieht die Location, auf der Tanzfläche zucken schwitzende Männerkörper zu poppigem Techno. Jungs mit Rauschebärten fallen in der Sofaecke leidenschaftlich übereinander her. Neuankömmlinge werden übertrieben geherzt, mit überbordendem Interesse nach Befindlichkeit, Augenfarbe und ethnischer Herkunft ausgequetscht. Alles ist "amazing" und "so beautiful". Und das ist es wirklich.

Auch hier wird gegrabscht und gegrabbelt, allerdings nicht, ohne sich vorher per Augenkontakt die Genehmigung abzuholen. Verhält man sich abweisend, zieht der Interessent weiter. Das ist zumindest der Regelfall. Menschen, vor allem Männer, verhalten sich hier nicht wie Raubtiere, die ihre körperliche Überlegenheit anderen Menschen, vor allem Frauen, gegenüber ausnutzen. Der Körper ist hier nicht Kriegswaffe, sondern Accessoire. "Bist du schwul?" Nein. "Schaaade, ich wusste es!" Sorry. "Macht nichts, darling. Bye!"

Auf Heteropartys sind Männer im Rudel unterwegs, auf Gay-Partys in lockeren Spaßverbänden. Man merkt auch den weiblichen Partygästen an, dass sie hier Spaß haben. Ohne sich ständig umgucken zu müssen. Die Grundstimmung ist ausgelassen, ungezwungen und ekstatisch. Natürlich gibt es Ausnahmen.

Niemand muss sich der sozialen Kontrolle des Rudels beugen

Auch Heteromänner kommen auf ihre Kosten. Hier können sie sein wie sie sind, ohne sich der sozialen Kontrolle ihres Rudels beugen zu müssen. Hier können sie loslassen. Es ist egal, wie du aussiehst und als was du dich definierst. Hab' Spaß oder lass es.

Dass die LGBTI*-Community in der Gesellschaft eine Minderheit darstellt, hast du fünf Minuten nach Betreten des Clubs vergessen. Als heterosexuell Lebender macht man dort eine Minderheitenerfahrung der besonderen Art: Du bist willkommen. Es gibt keine Patentrezepte für ein friedvolleres Miteinander. Und Diskriminierungserfahrung ist kein Garant für eine tolerante Grundeinstellung. Trotzdem: Du kannst dich einfügen, und wenn du nicht willst, nimmt es dir keiner übel.

In den Tanzpalästen der unerträglichen Heteronormativität ahnt man wohl nichts von Welten wie dieser. Alles queere ist hier schlicht "schwul" und wird von vielen als Bedrohung für die eigene "Männlichkeit" gesehen. Was für ein zartes Pflänzchen diese doch zu sein scheint. Wenn sich mehr Menschen trauen würden, ihre Komfortzone zu verlassen und einzutauchen in eine Welt, die irritiert, verwundert, vielleicht erst einmal überfordert, wäre zumindest ein Anfang gemacht.

- Wie finden es Lesben und Schwule, wenn Heteros ihre Clubs besuchen? Damit hat sich eine Folge unserer Kolumne "Queerweißdas" beschäftigt, die Sie hier lesen.

Mehr LGBTI-Themen finden Sie auf dem Queerspiegel, dem queeren Blog des Tagesspiegels. Themenanregungen und Kritik gern im Kommentarbereich etwas weiter unten auf dieser Seite oder mailen Sie uns an: queer@tagesspiegel.de.

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Queerspiegel - Der Tagesspiegel-Blog für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen und für alle, für die die Welt bunt wie ein Regenbogen ist.

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