Das Queer-Lexikon : Wofür steht die Bezeichnung "Femme"?

Im lesbischen Alltag wird gerne die (Selbst-)Bezeichnung "Femme" verwendet. Wofür das steht, erklärt eine neue Folge unseres Queer-Lexikons.

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Das Queer-ABC*
Das Queer-ABC*GRAFIK/Tsp

„Femme“ ist das französische Wort für „Frau“ (Aussprache: „Famm“). Im lesbischen Alltag wird es als (Selbst-)Bezeichnung für eine Lesbe verwendet, die – gemäß den heterosexuellen Stereotypen – „feminin“ auftritt. Das Begehren einer Femme kann sich auf eine „Butch“ (englischer Begriff für „Kerl“, Aussprache „Buttsch“) richten – also auf eine „maskulin“ auftretende Lesbe. Aber durchaus auch auf eine andere Femme oder auf Lesben, die in allen Facetten zwischen diesen Polen changieren.

In Kleinanzeigen wird der Begriff „Femme“ bei der Partnerinnensuche eingesetzt, wenn wohl auch weit weniger als noch vor 25 Jahren. Heute liest man dort viel häufiger den Begriff „feminin“ als „Femme“.

Film und Fernsehen scheinen Femmes den Vorzug gegenüber anderen Lesben zu geben. So moderiert Anne Will eine Talkshow zur besten Sendezeit, was einer „maskulin“ auftretenden lesbischen Journalist_in womöglich nicht zugestanden würde. Und auch bei lesbischen Filmen dominiert die Femme bei weitem (ein typisches Beispiel ist die professionell gemachte US-Lesbenserie „The L-Word“).

Wenn "Femme" zum politischen Label wird

Bestimmte Femmes wehren sich aber gerade gegen die Vorstellung, sie seien besonders gefällig. Sie benutzen den Begriff „Femme“, um sich explizit jenseits der heterosexuellen Norm als „queer“ zu beschreiben. „Femme“ wird dann zu einem politischen Label, das sich zuerst gegen stereotype Zuschreibungen richtet: etwa gegen die Vorurteile mancher Heteros, dass eine so „weiblich“ aussehende Frau wirklich lesbisch ist. Oder gegen die Annahme mancher Lesben, die Femme sei brav an die Heterowelt angepasst, weil sie wegen ihres heterosexuellen Aussehens noch nie erlebt hat, wie es ist, als vermeintlicher „Mann“ aus einer Frauentoilette geworfen zu werden.

Im Widerspruch gegen solche Vorstellungen ist Femme dann „eine Kampfansage an die traditionelle Vorstellung von Feminität als schwach, hilflos und unbedeutend“, wie die Kulturwissenschaftlerin Sabine Fuchs in dem von ihr herausgegebenen Buch „Femme! Radikal – queer feminin“ (Querverlag 2009) schreibt. Femmes sind demnach nicht nur nicht angepasst, sie sind sogar unterwegs im Genderkampf: Indem sie  „Femme Femininität“ mit „radikaler Gender- und Sexualpolitik“ verbinden, wandeln sie sie in „Femme-inität“ um, schreibt Fuchs.

Eine Abgrenzung zur "Lippenstiftlesbe"

Von anderen Lesben grenzt Fuchs ihre Femmes ab. Sie seien „radikal in ihrer Weigerung, sich dem dominanten geschlechtslosen, androgynen oder maskulinen Look in der Lesben- und Queer-Szene anzupassen“. Auch seien sie keine bloßen „Lippenstiftlesben“ ohne gesellschaftskritische Botschaft.

Ob die von Fuchs beschriebenen Femmes tatsächlich die queere Szene oder gar die Heterowelt aufmischen, ist schwer zu erkennen. Im Jahr 2014 gab es in Berlin unter dem Namen „Femme Hive“ immerhin eine „queer feminine“ Konferenz. Femmes begegnen einander auch in einigen Facebook-Gruppen. Fuchs‘ Band zeigt jedenfalls, dass die vergangenen Jahrzehnte der Genderforschung die Debatte über Identitäten und Begehren jenseits heterosexueller Rollenvorschriften stark stimuliert  und Lesben damit neue Möglichkeiten der Selbstbeschreibung eröffnet haben.

Das gesamte Queer-Lexikon finden Sie hier. Wir ergänzen es in lockerer Folge. Das Queer-ABC erscheint auf dem Queerspiegel, dem Blog des Tagesspiegel über LGBTI-Themen. Themenanregungen und Kritik gern im Kommentarbereich etwas weiter unten auf dieser Seite oder per Email an: queer@tagesspiegel.de.

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