Debütalbum von Conchita Wurst : Phönix im Feuersturm

Prima Einstimmung auf das ESC-Finale: Conchita Wurst singt auf ihrem Debütalbum angekitschte Powerballaden und schicken Dancefloor-Pop. Die Platte ist perfekt auf die Diva-Figur zugeschnitten.

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Die österreichische Sängerin Conchita Wurst.
Die österreichische Sängerin Conchita Wurst.Foto: Markus Morianz

Die Kaiserin von Europa hält seit einer Woche Hof in Wien. Empfang im Rathaus, Auftritte beim den ESC-Semifinals und beim Life Ball - Conchita Wurst zelebriert ihre noch einen Tag währende Regentschaft mit großer Grandezza. Natürlich benutzt sie die Aufmerksamkeit, die ihr als Siegerin des Eurovision Song Contests 2014 automatisch zufällt, auch um ihr selbstbetiteltes Debütalbum zu vermarkten. Sie hat die Veröffentlichung strategisch geschickt in die Trubelzeit vor dem Wiener Wettbewerb gelegt. Die neue Single "You Are Unstoppable" konnte die 26-Jährige so schon ein paar Mal aufführen und hat die Fanerwartrungen sicher nicht enttäuscht.

Unvergesslich: "We are unstoppable"

Mit dem Songtitel schließt Conchita Wurst an ihr unvergessliches "We are unstoppable"-Statement nach der Verleihung der ESC-Trophäe an. Und auch sonst passt das mit üppigen Streicher-Arragements und Backgroudchören ausgestattete Stück perfekt ins Eurovision-Umfeld. Der kraftvoll-euphorische Refrain ("You are stronger than you believe/You are, you are unstoppable") reißt ähnlich wie bei ihrem ESC-Hit "Rise Like A Phoenix" den Himmel auf. Als Eröffnungsstück des 43-minütigen Albums funktioniert das hervorragend.

Queere Momente des ESC
Auf der Stelle stehen, großartig singen und toll aussehen: Die Österreicherin Conchita Wurst gewann 2014 in Dänemark mit ihrer phänomenalen "Rise Like Phoenix"-Performance. Keine(r) hat in der ESC-Geschichte so gekonnt mit den Geschlechterrollen gespielt wie die bärtige Drag Queen.Weitere Bilder anzeigen
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13.05.2016 17:11Auf der Stelle stehen, großartig singen und toll aussehen: Die Österreicherin Conchita Wurst gewann 2014 in Dänemark mit ihrer...

Anschließend geht es beat-lastiger und bedächtiger weiter. "Up For Air" klingt ein wenig wie das Update eines Madonna-Stücks aus der "Ray For Light"-Phase. Auffällig ist dabei, dass Conchita Wurst hier statt in den eigentlich schon durch eine drängende Bridge vorbereiteten Jubel-Refrain einzubiegen, den Druck rausnimmt und in entspanntere Gefilde abbiegt. Noch ein paar Mal gibt es auf der Platte ähnliche, sehr reizvolle Erwartungsstörungsmomente, etwa in dem mit einem Saz-Solo dekorierten "Colours Of Your Love", bei dem die Stimme der Sängerin zu einem tief grollenden Beat plötzlich eine Autotune-Metamorphose durchmacht und sich in einen Quietschtröten-Sound verwandelt. Oder auch das folgende Stück "Out Of Body Experience", das orientalisierende Geigen und Perkussion stimmig mit der Pop-Melodik von Wursts Gesang verbindet.

Von Swing bis House reicht Conchita Wursts Stilpalette

Das internationale Songwriterteam um die bärtige Diva, die schon vor ihrem Debütalbum ihre Autobiografie veröffentliche, hat sich sichtlich bemüht, ihr ein zeitgemäßes Pop-Kleid zu schneidern. Nicht zu schrill, aber durchaus mit Kitchfäden durchzogen. Auch das Bemühen um eine gewisse stilistische Vielfalt der zwölf Stücke (darunter noch einmal "Rise Like A Phoenix") scheint durch. Wobei die Swingnummer "Where Have All The Good Men Gone" mit ihren klischeehaften Bläsersätzen ziemlich rausknallt und nicht so recht zur Wurst-Figur passt. Das ebenfalls eher formelhafte "Firestorm" hingegen ist eine schöne Hommage an den Neunziger-Vocal-House und hat das Zeug dazu, in der kommenden CSD-Saison die queeren Dancefloors zu füllen.

Conchita Wurst hat nach dem ESC-Gewinn, der ein großer Pop-Moment war, bei dem einfach alles stimmte, weiter eine beeindruckende Figur gemacht. Sie hat ihre Auftritte klug gewählt, sang vor EU-Politikerinnen und Politikern in Brüssel, bei einer UN-Veranstaltung mit Ban Ki-moon und warb in Interviews für die queere Sache. Zur Erweiterung des europäischen Horizonts in Gender- und Toleranzfragen hat sie im letzten Jahr einen preiswürdigen Beitrag geleistet.

Die Lieder sind perfekt auf die Diva-Figur zugeschnitten

Das alles wäre aber nur halb so überzeugend, wenn Conchita Wurst von Tom Neuwirth nicht auch als Pop-Figur so perfekt inszeniert wäre. Dazu gehört, dass sie Würde ausstrahlt, ihre Musik sehr ernst nimmt und sie auch stimmlich angemessen präsentieren kann. Genau diese Mischung gelingt jetzt auch auf "Conchita": Die Lieder, in denen es ausschließlich um Liebe und Selbstbehauptung geht, sind genau auf die Diva-Figur zugeschnitten, sie lassen Conchitas Stimme glänzen und richten sich an ein großes Pop-Publikum. Wenn die Kaiserin morgen ihre Krone weitergeben muss, kann sie sich sicher sein: Die Verehrung ihrer Fan-Schar wird andauern.

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