Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger : Als Avantgardist gegen Homophobie

Anfang 2014 machte Thomas Hitzlsperger öffentlich, dass er schwul ist. Bisher ist kein deutscher Profifußballer seinem Beispiel gefolgt. Auch deshalb kämpft der frühere Nationalspieler weiter.

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Thomas Hitzlsperger bei den Teddy-Awards 2015 auf der Berlinale.
In neuer Rolle. Thomas Hitzlsperger bei den Teddy-Awards 2015 auf der Berlinale.Foto: dpa

Ein Hotel im Kölner Messeviertel, früher Abend, der Speisesaal ist leer. Macht nichts, sagt Thomas Hitzlsperger und freut sich über ein bisschen Ruhe, davon hält der Alltag nicht so viel bereit. Zum Gespräch kommt er zwischen zwei Fernsehterminen. Tagsüber absolviert er ein Praktikum bei einer Produktionsgesellschaft, abends will er Champions League gucken, „mit ein paar Freunden, muss auch mal sein“. Das Privatleben leidet ein wenig, seitdem er in der Öffentlichkeit zunehmend mehr als Avantgardist gegen Homophobie im Fußball wahrgenommen wird denn als früherer Nationalspieler.

Männer lieben Männer - schwer für den Fußball

Hitzlsperger ist diesen Weg ganz bewusst gegangen. Erst mit seinem Coming-out im Januar 2014, transportiert über ein Interview mit der „Zeit“, mit dem jetzt schon legendären Satz: „Ich äußere mich zu meiner Homosexualität.“ Später dann als begehrter Interviewpartner und Gast bei Podiumsdiskussionen, wann immer es um dieses letzte Tabu einer Sportart geht, von dem keiner so richtig erklären kann, warum es immer noch ein Tabu ist. In einer Zeit schwuler Politiker und Kulturschaffender tut sich der Fußball schwer mit der Vorstellung, dass auch unter seinen Hauptdarstellern Männer sind, die Männer lieben.

Hitzlsperger versucht seine Popularität zu nutzen

Vor ein paar Wochen hat Hitzlsperger seinen 33. Geburtstag gefeiert. Kurze Haare, Zweieinhalbtagebart, durchtrainierter Körper – er sieht genauso aus wie zu seiner aktiven Zeit, und die ist seit zweieinhalb Jahren vorbei. Er bestellt eine große Flasche Mineralwasser. Früher, als er noch Tore schoss und Flanken schlug, hat Hitzlsperger sich kaum Gedanken gemacht über die Zeit danach. Vielleicht ein bisschen durch die Welt reisen, wie das andere Ex-Profis machen.

Das mit dem Reisen ist tatsächlich so gekommen, nur anders als geplant: Im Ruhestand pendelt er zwischen einer Pressekonferenz in Berlin, der schwul-lesbischen EM in Hamburg oder den Euro Games in Stockholm. „Ist alles ein bisschen viel geworden, ich kann beim besten Willen nicht alle Anfragen beantworten und alle Einladungen annehmen“, sagt er. „Aber natürlich versuche ich, meine Popularität für die Sache einzusetzen.“

Über sein Coming-out diskutierten die Stammtische

Gerade erst ist Thomas Hitzlsperger mit dem Ethikpreis des katholischen Sportverbandes DJK ausgezeichnet worden, für sein Engagement im Kampf gegen Homophobie im Allgemeinen und seinen sensiblen Umgang mit dieser Thematik im Besonderen. Als erster deutscher Spieler auf höchstem Niveau hat Hitzlsperger offen über seine Homosexualität geredet. Er versteht sich als Botschafter der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld und deren Forschungsprojekt „Fußball für Vielfalt“, all das in Zusammenarbeit mit der Universität Vechta. „Das sind seriöse Partner“, sagt er. „Mir ist es sehr wichtig, dass mein Engagement wissenschaftlich begleitet wird.“ Bei der Stiftung sind sie sich des Werts ihres neuen Mitstreiters sehr wohl bewusst. „Thomas Hitzlsperger hat sehr viel bewirkt“, sagt der Vorstand Jörg Litwinschuh. „Über sein Coming-out wurde wirklich am hinterletzten Stammtisch der Republik diskutiert.“

Niemand mag zu seiner Homosexualität stehen

Homosexualität und Fußball, das ist auch im dritten Jahrtausend ein Kräfteparallelogramm aus politisch korrekten Sonntagsbotschaften und Versteckspiel. Kein Spieler, Trainer oder Manager, der noch alle Sinne beisammen hat, wird einen auch nur ansatzweise schwulenfeindlichen Satz formulieren. Aber genauso mag auch niemand offen zu seiner Homosexualität stehen. Muss er ja auch nicht. Sexualität ist die privateste aller Privatangelegenheiten und geht die Öffentlichkeit nichts an. Das ist einerseits richtig, andererseits Kern des Problems.

Ein Fußballspieler, der seine sexuelle Identität versteckt und mit der latenten Furcht vor Enttarnung lebt, obwohl es doch weder moralisch und juristisch etwas zu enttarnen gibt – so ein Fußballspieler kann schwerlich den Kopf frei haben, um auf seinem höchsten Niveau zu spielen. Im Umkehrschluss müsste also jeder Arbeitgeber am uneingeschränkten Wohlbefinden seiner Angestellten interessiert sein, auf dass diese ihre gesamte Kraft zur Mehrung von Wohlstand und Punktekonto investieren können. Dazu gehört auch ein unbelastetes Leben mit der eigenen Sexualität.

Die Trainer müssen sensibler werden

Was also können die Vereine konkret tun? „Erst einmal einsehen, dass es ein Problem gibt für schwule Fußballspieler“, sagt Thomas Hitzlsperger. „Nur weil man in der Bundesliga keine schwulen Profis kennt, heißt das ja nicht, dass es auch keine gibt.“ Wichtig etwa sei, bei der Trainerausbildung darauf zu achten, „dass beim kleinsten Anlass klargemacht wird: Homophobie hat bei uns keinen Platz! Ich habe mich da nicht bei allen meinen Trainern immer wohlgefühlt.“

Kurzer Aufruhr im Speisesaal. Zehn, zwölf Fußballfans ordern Bier, aber weil es im Speisesaal keinen Fernseher gibt, verziehen sie sich in die Lobby. Keiner erkennt den früheren Nationalspieler. Nach seinem Coming-out ist er öfter schon in Bundesligastadien gewesen. Hat man ihn anders angesehen, anders mit ihm geredet? „Ist mir nicht aufgefallen.“

Der Fußball ist überfordert

Der Fußball war leicht überfordert mit der ihm aufgedrückten Debatte. Es gab die vorhersehbaren Sonntagsreden und Verbeugungen. Wolfgang Niersbach, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, empfand es als „völlig übertrieben, dass neben der Syrien-Krise oder Ägypten das Outing von Thomas Topthema im Heute-Journal oder in den Tagesthemen war“. Gemeinsam mit seinem Kollegen Reinhard Rauball von der Deutschen Fußball-Liga (Jahresumsatz: 2,14 Milliarden Euro) ließ Niersbach der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld einen Scheck über 20 000 Euro zukommen. Andere mäkelten, Hitzlsperger sei erst nach dem Ende seiner Karriere an die Öffentlichkeit gegangen, was dieser bis heute nicht nachvollziehen kann. „Da darf ich ja wohl fragen: Wo sind denn die vielen anderen Ex-Profis, die sich geoutet haben? Tut mir leid, ich kenne keinen einzigen!“ Und wer glaubt ernsthaft, dass Hitzlsperger in 52 Jahren Bundesliga der einzige schwule Profi war?

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