Familien- und Beziehungsmodelle auf dem Kirchentag : Was würde Jesus zur Homo-Ehe sagen?

Zu Kontroversen über die Homo-Ehe kommt es auf dem Kirchentag in Stuttgart nicht - Gegner und Befürworter tagen getrennt voneinander. Und Familienministerin Manuela Schwesig kann sich nicht vorstellen, dass Jesus etwas gegen die Homo-Ehe hätte.

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Kirchentagsbesucher sitzen auf dem Kirchentagsgelände in Stuttgart (Baden-Württemberg) auf Hockern aus Pappe, die das Kirchentagslogo tragen.
Kirchentagsbesucher sitzen auf dem Kirchentagsgelände in Stuttgart (Baden-Württemberg) auf Hockern aus Pappe, die das...Foto: Wolfram Kastl/dpa

Das irische Ja zur Homo-Ehe könnte den Diskussionen auf dem Kirchentag in Stuttgart eine neue Würze verleihen. Denn neue Familien- und Beziehungsmodelle spielen bei dem Christentreffen diesmal eine große Rolle. Es gibt ein Zentrum „Gender“, ein Zentrum „Regenbogen“ und eine eigene Podienreihe „Streit um die Familie“. Mit der Bibel wird Homophobie bekämpft, das Thema Ehe und Familie wird unter theologischen, politischen und juristischen Perspektiven beleuchtet, Menschen aus gescheiterten und erfolgreichen Beziehungen kommen ebenso zu Wort wie Schwule, Lesben, Trans- und Bisexuelle. 

Vielen frommen Pietisten ist das ein bisschen zu viel Vielfalt auf einmal. Auch der bundesweit aktiven Initiative „Zeit zum Aufstehen“ geht das zu weit. Die Initiative geht von führenden pietistisch und evangelikal geprägten Protestanten aus und hat mittlerweile 18.000 Unterschriften für eine  theologisch-konservative „Erneuerung der evangelischen Kirche“ gesammelt. „Der Mensch ist als Mann und Frau geschaffen; dieses Gegenüber ist Gottes gute Schöpfergabe“, heißt es in dem Aufruf. „Deshalb stehen wir auf für die Stärkung der Ehe von Mann und Frau und gegen ihre Entwertung.“ Besonders viele Unterschriften kommen aus der württembergischen Landeskirche, in der die Pietisten in der Mehrheit sind. 

Doch merkwürdig ist: Kontroversen gibt es auf dem Stuttgarter Kirchentag über das Thema nicht. Auch keine Proteste von Gegnern der Homo-Ehe, keine Schmähungen, nicht einmal Zwischenrufe. Die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Bedürfnisse stehen vielmehr unverbunden und undiskutiert nebeneinander. 

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) will eingetragene Lebenspartnerschaften von Schwulen und Lesben voll und ganz mit der Ehe gleichstellen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Jesus etwas dagegen haben könnte“, sagt sie am Donnerstagnachmittag vor einigen tausend Zuhörern im „Hölderlinsaal“ der Schwabenlandhalle. Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung und die evangelische Theologin Isolde Karle können auch keine theologischen Einwände gegen die Homo-Ehe sehen. „Wenn in der Bibel von Familie die Rede ist, dann sowieso nicht in unserem heutigen Sinn der bürgerlichen Kleinfamilie“, sagt Jung. Für den Evangelisten Paulus zum Beispiel hätten auch die Sklaven zur Familie dazu gehört. Wenn man mit der Bibel argumentieren wolle, dann bitte mit der Qualität von Beziehungen: Familie sei dort, wo Partner verantwortungsvoll, dauerhaft, verbindlich und liebevoll miteinander umgingen. So hat es auch eine „Orientierungshilfe“ des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vor zwei Jahren konstatiert. „Gottes Segen macht keinen Unterschied, ob homo oder hetero“, sagt Kirchenpräsident Volker Jung. 

Allein der frühere Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof fremdelt auf dem Podium in der Schwabenhalle noch etwas mit der Idee, die Ehe für alle zu öffnen. Er verweist auf die Verfassung, in der die Ehe nun mal auf die potenzielle Elternschaft bezogen sei und die Familie auf die bestehende Elternschaft. Prompt melden sich Zuhörer aus dem Publikum zu Wort und monieren, dass man die „Polarisierung verschiedener Familienmodelle“ nicht schätze. 

Zur gleichen Zeit beten 5000 fromme Pietisten in der Porsche-Arena für eine neue „Gottesfurcht“. Sie feiern ihren eigenen „Christustag“. Aber auch hier bleibt man unter sich. Auch hier gibt es keine Diskussionen. Auch hier ist man sich einig: Die klassische Ehe soll bleiben, was sie ist: eine exklusive Angelegenheit für Heterosexuelle. Auf dem Podium spricht eine Initiatorin des Aufrufs „Zeit zum Aufstehen“ und Pastor Steffen Kern predigt: „Klug ist, wer treu ist“. Auf die Treue komme es an, im Großen, in Bezug auf Gott, wie im Kleinen. Diese Treue werde oft dazu führen, dass man gegen die Spielregeln des Mainstream verstoße, prophezeit der Pastor. Doch das sei nicht so wichtig. „Was die Leute heute sagen und denken, was heute Mainstream ist, das ist komplett irrelevant in der Ewigkeit.“

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