Geschichten übers Coming-out : "Meine Mutter fragte: Bist du aktiv oder passiv?"

Autor Felix Grimm sammelt sehr persönliche Geschichten vom Coming-out - für sein Onlinemagazin OUT. Eine davon ist die von Vasilis aus Griechenland.

Felix Grimm
Vasilis' Eltern hatten große Probleme mit der Homosexualität ihres Sohnes. Foto: Felix Grimm
Vasilis' Eltern hatten große Probleme mit der Homosexualität ihres Sohnes.Foto: Felix Grimm

Es ist ein Projekt, das sich seit mehr als einen Jahr aus einer Bachelorarbeit entwickelt hat: Felix Grimm veröffentlicht in seinem Online-Magazin OUT Geschichten vom Coming-out. In einer Kombination aus Interview und Fotostrecke erzählt er über individuelle Erfahrungen, ohne den Fokus auf Alter, Geschlecht, oder die Art des Coming-outs einzugrenzen.

"Bei vielen Geschichten werde ich bei der Zusammenstellung und Bearbeitung des Magazins selbst ganz sentimental", sagt der 24-Jährige. "Denn ich kann mit einer neuen Perspektive auf mein eigenes Coming-out zurückschauen."

Grimms Haupterkenntnis bei der Recherche: Nur selten bedient das Coming-out in der Realität die Klischees, und kaum eine Geschichte mit den anderen vergleichbar ist. "Deswegen suche ich immer nach neuen Gesichtern, die ihre ganz persönliche Facette beisteuern möchten", sagt er.

Nachfolgend veröffentlicht der Queerspiegel, der LGBTI-Blog des Tagesspiegels, mit freundliche Genehmigung des Autors eine Geschichte aus seinem Magazin. Zu finden findet ist es - zum Lesen oder Mitmachen unter - www.facebook.com/theoutstories.

Hier erzählt Vasilis aus Griechenland

Mein Name ist Vasilis. Ich bin 27 Jahre alt und komme ursprünglich aus Athen, Griechenland. Dort wuchs ich auf und vor vier Jahren, ich weiß es noch ganz genau, am 3. Januar 2011, verließ ich mein Land, meine Familie, meine Freunde, meine Realität und zog nach Berlin. Warum es mich nach Deutschland verschlagen hat? Ich habe nach Freiheit gesucht, Freiheit, die mir zu Hause fehlte. Berlin wurde es schon allein wegen der interessanten Geschichte und Filmen wie „Good Bye Lenin“ oder „Hedwig and the Angry Inch“. Angekommen fing ich an, mich für ein Designstudium zu bewerben. Dies tat ich drei Jahre, aber es klappte einfach nicht. Nebenher besuchte ich einen Deutschkurs, da ich mich nur auf Englisch, Französisch und Griechisch verständigen konnte. Jetzt studiere ich Internationale Medieninformatik und bin ganz zufrieden damit.

Ausstellung "Homosexualität_en"
Das Plakat der "Homosexualität_en"-Ausstellung, die vom 26. Juni bis 1. Dezember im Deutschen Historischen Museum und im Schwulen Museum Berlin läuft, zeigt das Motiv " Homage to Benglis, part of the larger body of work CUTS: A Traditional Sculpture, a six month durational performance". (Ausschnitt) Foto: Heather Cassils and Robin Black 2011Weitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: Heather Cassils and Robin Black 2011
23.06.2015 16:15Das Plakat der "Homosexualität_en"-Ausstellung, die vom 26. Juni bis 1. Dezember im Deutschen Historischen Museum und im Schwulen...

Ich glaube, ich war zehn oder elf Jahre alt und saß abends in meinem Zimmer. Der Fernseher lief. Aus Neugier kam ich auf einen Pornokanal. Und da hatte ich es plötzlich vor mir: Eine Vagina, einen Penis - in dem Alter ein wenig überwältigend. Ich merkte aber damals schon, dass ich dem männlichen Geschlecht gegenüber nicht abgeneigt war.

"Mir wurde immer klarer: Ich mag Jungs"

Zwei Jahre vergingen, und es wurde mir immer klarer: Ich mag Jungs. Ich hatte zwar Freundinnen, war auch irgendwie verliebt, aber ich fühlte mich zu den Jungs in meiner Klasse einfach mehr hingezogen. Jedoch empfand ich es nie als schlimm für mich. Es war immer okay. Es war ein gutes Gefühl, da ich wusste, dass es eigentlich etwas Schönes ist, was ich empfand. Ich sage immer: „Es geht nur um die Liebe“ - und daher fand ich es nicht schlecht. Das klingt jetzt alles schön und gut, aber natürlich kamen noch andere Faktoren dazu.

Sechs Jahre Mobbing am Gymnasium

Mit dem Wechsel von der Grundschule zum Gymnasium fing das Mobbing an. Sechs Jahre lang. Das ging von Sprüchen bis hin zu Handgreiflichkeiten. Ich wurde geschlagen und mit Dreck beworfen.

Felix Grimm interviewt und fotografiert Menschen zum Thema Coming-out. Er hat auch Vasilis porträtiert, der hier seine Geschichte erzählt. Foto: promo
Felix Grimm interviewt und fotografiert Menschen zum Thema Coming-out. Er hat auch Vasilis porträtiert, der hier seine Geschichte...Foto: promo

Ich war nicht einmal geoutet, noch wusste ich selber so richtig, was ich fühlte. Trotzdem wurde ich aufgezogen, ich war ein einfaches Opfer. Ich war eher schüchtern, verunsichert, dick und habe mich nicht wirklich gewehrt: Eine einfache Zielscheibe. Meine Lehrer bekamen es natürlich mit, entschieden sich aber wegzuschauen.

Es war eine wirklich dunkle Zeit für mich. Ich habe die Schuld bei mir gesucht. Ich hatte schlimme Gedanken: Warum bin ich so? Warum kann ich nicht „normal“ sein? Warum bin ich so hässlich, dass es niemand gibt, der mich mag? Ich verfiel in eine Depression und hatte Suizidgedanken. Ich hatte Angst vor die Tür zu gehen. Ich musste mich immer links und rechts versichern, dass sie nicht irgendwo auf mich warteten, wenn ich das Haus verließ.

Immer wieder "Go West" von den Pet Shop Boys

Einmal, ich war wohl um die zehn Jahre alt, war ich krank zu Hause und im Fernsehen lief „Go West“ von den Pet Shop Boys. Dieses Lied berührte mich inhaltlich so sehr, dass ich es mir quasi im Kopf speicherte und immer wenn es mir schlecht ging und ich traurig war, hörte ich in mir einen Ausschnitt davon. Das gab mir immer die Hoffnung und Kraft, dass es eines Tag besser werden würde.

Ich sagte mir wieder und wieder: Es gibt sieben Milliarden Menschen auf der Erde und es gibt doch bestimmt einen, der mich mögen würde? Und so habe ich weiter gemacht, mit diesem Gedanken, jahrelang, allein.

Queerspiegel - Der Tagesspiegel-Blog für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen und für alle, für die die Welt bunt wie ein Regenbogen ist.

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