HIV-Hauptstadt Berlin : Das Virus der anderen

„Hauptstadt der Positiven“ nennen manche Berlin: Nirgends werden HIV-Patienten besser versorgt. Zunehmend zieht das „Schöneberger Modell“ Infizierte aus anderen Teilen der Welt an. Die Geschichte eines Flüchtlings.

von
Illustration: Roland Brückner

Hassan, dessen echter Name nicht Hassan ist, hat zwei Optionen: Er kann bleiben – oder sterben. Der zierliche Mann mit den braunen Augen und dem Fünftagebart sitzt in einem Café am Nollendorfplatz in Berlin-Schöneberg. Er ist Mitte 20, „stockschwul“, wie er sagt. Und er ist HIV-positiv.

Hassan ist zum ersten Mal und noch nicht lange in Berlin. In dem nordafrikanischen Land, aus dem er kommt, werden Schwule vom Regime verfolgt und eingesperrt. Hier dagegen kann er sein, wer er ist.

Bei jeder Reise ließ er sich testen

In der Welt ist Hassan ein wenig herumgekommen. Er war in New York, in London, in Helsinki, als Teilnehmer von Konferenzen, auf denen er sein Land repräsentierte, und als Tourist. Bei jeder Reise ließ er sich testen, aus Vorsicht, aus Gewohnheit, wegen des Sicherheitsgefühls. So auch diesmal, bei seinem ersten Besuch in Berlin im vergangenen Herbst. Er ging in eine der vielen Sprechstunden, die es in Arztpraxen, bei queeren Vereinen und Klubs gibt, wo sich jeder anonym, kostenlos und unkompliziert über den Status des Humanen Immundefizienz-Virus in seinem Blut informieren kann. In einem Radius von drei bis vier Kilometern rund um den Nollendorfplatz gibt es viele solche Einrichtungen, etwa bei der Berliner Aids-Hilfe in der Kurfürstenstraße.

Hassan hatte sich nicht viel dabei gedacht. Kurz mal nachschauen, ob alles okay ist im Blut, natürlich würde das Testergebnis negativ sein, war es ja immer gewesen. Doch dieses eine Mal, im Herbst 2014, fiel der Test plötzlich positiv aus.

Medikamente ermöglichen ein fast gesundes Leben - eben nur fast

Ein Albtraum. Für jeden Betroffenen, auch heute noch, wo die Forschung so weit fortgeschritten ist, dass Medikamente HIV-Infizierten in Deutschland ein fast normales, fast gesundes Leben ermöglichen. Aber eben nur fast. Früher mussten Infizierte viele Pillen schlucken, inzwischen genügt eine einzige Tablette am Tag. Das Präparat bezahlt die Krankenkasse, es senkt die Erregerkonzentration im Blut derart, dass das HI-Virus im Körper nicht mehr nachweisbar ist. Auch die Ansteckungsgefahr wird deutlich reduziert, wenn auch keinesfalls ausgeräumt. Eine hundertprozentige Heilung gibt es nach wie vor nicht.

Für Hassan ist die Diagnose unmittelbar lebensbedrohend. In dem Land, aus dem er kommt, hätte er wegen der schlechten Gesundheitsversorgung kaum Überlebenschancen. Sein schmales Gesicht deutet schon jetzt darauf hin, dass sich das Virus in seinem Körper stark verbreitet hat, bis vor Kurzem sah er noch wesentlich kräftiger aus. Das HI-Virus bewirkt bei manchen Infizierten einen unkontrollierten Gewichtsverlust, es lässt das Gesicht einfallen, die Hüften werden schmaler.

"Schwule sind bei uns Staatsfeinde"

„Schwule sind bei uns Staatsfeinde“, sagt Hassan. Selbst die schlechten HIV-Medikamente, die das Gesundheitssystem seiner Heimat bietet, könnten ihm verwehrt werden, fürchtet er. Denn Hassan ist auch politisch aktiv, er hat sich dafür eingesetzt, dass seine Landsleute kostenlosen Zugang zu Verhütungsmitteln und HIV-Prävention bekommen. „Condomize“ steht auf einem seiner T-Shirts.

Dass er sich nun selbst angesteckt hat: eine Unachtsamkeit. Mehr will er darüber nicht erzählen.

Einsam in Berlin. Hassan am Nollendorfplatz.
Einsam in Berlin. Hassan am Nollendorfplatz.Foto: Mohamed Amjahid

Seine Infektion machte Hassan zum Flüchtling. Der junge Mann mit dem politischen Traum von einer gerechteren Welt, den engen Röhrenjeans, der Kurzhaarfrisur, dem kleinen roten Koffer, mit dem er angekommen ist – er will, er muss nun in Deutschland bleiben.

In Berlin leben bis zu 18000 Positive

Berlin gilt als Hauptstadt für „positive Menschen“, wie es doppeldeutig heißt. In Berlin, so schätzt das Robert-Koch-Institut, leben bis zu 18 000 HIV-Positive. Jedes Jahr werden rund 500 neue Fälle diagnostiziert, davon bis zu 170 mit fortgeschrittenem Immundefekt. Die hiesige LGBTI-Szene – also die Lesben, Schwulen, Bi-, Trans- und Intersexuellen der Hauptstadt – hat über Jahrzehnte mit spezialisierten Arztpraxen, Selbsthilfegruppen, Begegnungsräumen, Cafés und Hilfsorganisationen eine Infrastruktur und Lobby aufgebaut, die HIV-Patienten ein möglichst langes und schmerzarmes Leben ermöglicht.

Am wichtigsten aber ist die Akzeptanz. Menschen, die mit dem Virus leben, werden in Berlin weit weniger diskriminiert als anderswo in Deutschland – und am wenigsten am Nollendorfplatz in Schöneberg, so versichern es alle, die sich auskennen, denn hier liegt der HIV-Mittelpunkt Berlins. Bei einer der vielen Aids-Galas, die in der Stadt regelmäßig stattfinden, brachte es ein Besucher auf die Formel: „Ich bin positiv, und das ist auch gut so.“ Nur weil er das Virus im Blut trage, fügte er hinzu, müsse er nicht seine positive Haltung zum Leben aufgeben.

Zunächst wütet das HI-Virus in seinem Körper

Hassan ist im Herbst 2014 noch nicht an diesem Punkt. Das Virus wütet in seinem Körper, er braucht dringend eine Aufenthaltserlaubnis, seine ganze Lebenssituation deprimiert ihn. Die Ungewissheit, was rund eine Woche nach dem überraschenden Testergebnis die richtige Entscheidung ist, scheint ihn förmlich zu zerfressen. Am Alexanderplatz verpasst er die U2, der Zug steht auf dem Gleis, doch Hassan kann nicht rennen. „Ich fühle mich schwach“, sagt er atemlos.

Zwischendurch, nachdem er den ersten Schock verarbeitet hatte, versuchte Hassan sich abzulenken, so gut es ging. Berlin bietet genug Möglichkeiten dafür. In einer Bar traf er einen anderen jungen HIV-Positiven, wie er selbst aus Afrika, der ihm seine Geschichte erzählte. Hängen blieb bei Hassan, dass sein neuer Bekannter nach der Ankunft in Berlin nur zwei Monate gebraucht hatte, um einen schwulen deutschen Rentner zu heiraten. „Zwei Monate! Ich habe in 20 Jahren noch nicht mal eine gescheite Beziehung hinbekommen!“ Zwar ging die Ehe auseinander, aber die beiden blieben Freunde. Hassans Bekannter wohnt nun in einem schönen Apartment in Schöneberg, die Miete zahlt sein Ex-Mann.

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