„Já, Olga Hepnarová“ im Panorama : Die Einsamkeit der LKW-Fahrerin

Qual und Konsequenz von Ausgrenzung: Das Panorama-Hauptprogramm eröffnet mit dem Außenseiterinnen-Drama „Já, Olga Hepnarová“ aus Tschechien.

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Außenseiterin. Michalina Olszanska als Olga Hepnarová.
Außenseiterin. Michalina Olszanska als Olga Hepnarová.Foto: Black Balance

„Um Selbstmord zu begehen, braucht man einen starken Willen. Etwas, das du garantiert nicht hast.“ Mit diesen Messerstichsätzen kommentiert die Mutter den Suizidversuch ihrer minderjährigen Tochter Olga (Michalina Olszanska) und demonstriert damit ein weiteres Mal die familiäre Eiseskälte, der sich das Mädchen mittels Tablettenüberdosis entziehen wollte.

Doch in den mütterlichen Worten steckt auch eine Herausforderung an die junge Außenseiterin: Sie wird der Mutter und der Welt beweisen, wie willensstark sie sein kann – und wie grausam.

Das in Schwarz-Weiß gedrehte Drama „Já, Olga Hepnarová“ eröffnet das Panorama-Hauptprogramm. Es ist das Spielfilmdebüt von Tomas Weinreb und Petr Kazda, die zuvor gemeinsam Dokumentar- und Kurzfilme realisiert haben. Auch dieser Anfang der siebziger Jahre in der Tschechoslowakei spielende Film basiert auf einer wahren Geschichte, und man sieht dem konzentrierten, ruhigen Werk an, dass die Macher ihre zutiefst einsame Protagonistin verstehen wollen – auch ihre spätere entsetzliche Verzweiflungstat.

Momente der Erfüllung sind nicht von Dauer

Die stets grimmig dreinblickende, nie grüßende Olga Hepnarová, die ein bisschen wie eine verwilderte Cousine von Louise Brooks aussieht, zieht mit Anfang zwanzig in eine karge Hütte und beginnt, als LKW-Fahrerin zu arbeiten. Sie raucht ständig, liest viel und entdeckt ihre Vorliebe für Frauen. In der schönsten Szene geht sie mit einer Kollegin in einen Club, tanzt zunächst mit einer anderen Frau, öffnet dabei ihre Jacke, unter der sie nichts trägt. Anschließend setzt sie sich mit aufreizendem Blick zu ihrer Kollegin und baldigen Geliebten.

Solche Momente der Erfüllung sind jedoch nie von Dauer, und Olga tut selbst einiges dafür, sie immer wieder zu zerstören. Sie leidet unter ihrer Isolation und diagnostiziert sich selbst eine Störung. „Ich weiß, dass ich eine Psychopathin bin, aber eine erleuchtete“, sagt sie einmal direkt in die Kamera.

Die Regisseure pathologisieren ihr Hauptfigur nicht

Sie begreift, wie die Gesellschaft sie sieht und versucht auf medizinischem Wege, noch einmal zurückzufinden in das soziale Gefüge. Sie redet regelmäßig mit einem Therapeuten, lässt sich von ihrer Mutter, einer Ärztin, Tabletten verschreiben, will sich sogar in die Psychiatrie einweisen lassen.

Dass Weinreb und Kazda ihre Hauptfigur trotzdem nicht in einfache pathologisierende Erklärungsmuster zu pressen versuchen, ist ihnen hoch anzurechnen. Es verstärkt die Wucht ihres Films, der als Studie über die Qual und Konsequenz von Ausgrenzung universelle Qualität gewinnt.

11.2., 21 Uhr u. 21.15 u. 21.30 Uhr (Cinemaxx 7+5+4), 12.2., 22.45 Uhr (Cinestar 3), 13.2., 20.15 Uhr (Cubix 7+8), Do 18.2., 14 Uhr (International), 21.2., 20.15 Uhr (Cubix 7+8)

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