Jean-Paul Gaultier im Interview : „Der Kampf gegen HIV muss weitergehen“

HIV geht uns alle an, sagt der Designer Jean-Paul Gaultier. Er hofft, dass die Welt wieder toleranter wird. Ein Interview über gesellschaftliches Engagement.

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Jean Paul Gaultier bei der Premiere der neuen Berliner Show „The One“, für die er die Kostüme entwarf.
Jean Paul Gaultier bei der Premiere der neuen Berliner Show „The One“, für die er die Kostüme entwarf.Foto: imago/APress

Herr Gaultier, Sie engagieren sich seit mehr als 20 Jahren im Kampf gegen HIV und Aids. Welche Rolle spielen dabei persönliche Gründe wie der Tod ihres langjährigen Lebensgefährten und Geschäftspartners Francis Menuge an den Folgen der Immunschwächekrankheit?

Natürlich spielen persönliche Gründe eine wichtige Rolle, aber die Krankheit ist ein Thema, das uns alle angeht. Der Kampf gegen Aids muss unbedingt weitergehen. 1992 habe ich in Los Angeles eine Schau für AmFAR (American Foundation for AIDS Research, Anm. d. Red.) gemacht. Seitdem setze ich mich für verschiedene Organisationen und in vielfältiger Weise ein. Ich hoffe, dass ich den Tag noch erleben werde, an dem mein Engagement nicht mehr notwendig ist, weil es einen Impfstoff oder – noch besser – ein Heilmittel gibt. Doch bis es soweit ist, müssen wir weitermachen.

Die Modeszene ist offen für Menschen unterschiedlichster Couleur. Könnte sie ein Vorbild für die ganze Gesellschaft sein?

Mode ist ja in gewisser Weise ein Spiegel der Gesellschaft. Mode, das ist nicht bloß Kleidung, sondern alles um uns herum – was wir essen, wie wir unser Zuhause einrichten, wohin wir in den Urlaub fahren. Wir Designer destillieren quasi heraus, was in der Welt geschieht, und zeigen es in unseren Kreationen. Ich habe in den 70er, 80er und sogar den 90er Jahren echte gesellschaftliche Veränderungen erlebt, doch im Moment habe ich das Gefühl, dass wir einige der Freiheiten, die wir damals errungen haben, wieder verlieren. Ich hoffe, das ist nur vorübergehend und die Welt wird wieder toleranter werden.

Das Geschlecht spielt in der Mode eine große Rolle. Sie waren einer der ersten Designer, die Unisex-Kollektionen entworfen haben.

Ich habe Unisex-Mode nicht erfunden – das geschah schon in den 70er Jahren –, aber Ende der 70er spürte ich eine Veränderung. Ich sah, dass meine Freundinnen wieder anfingen, BH’s zu tragen, nachdem ihre Mütter sie in den 60ern demonstrativ verbrannt hatten. Und ich bemerkte, dass ihnen Männer gefielen, die zarter und weniger machohaft waren. Also steckte ich die Frauen in Korsagen und Anzüge und die Männer in Röcke. Nicht, weil ich provozieren wollte, sondern weil ich eine gesellschaftliche Veränderung wahrnahm.

Sie sind eine bekannte Persönlichkeit. Empfinden Sie es als ihre Verpflichtung, der Gesellschaft etwas zurückzugeben?

Der Gesellschaft etwas zurückzugeben, ist für mich eine völlige Selbstverständlichkeit.

2014 haben Sie aufgehört, Pret-à-Porter-Kollektionen zu entwerfen. Nun haben Sie mehr Zeit für andere Dinge, etwa die wundervollen Kostüme für die Show „The One“ im Berliner Friedrichstadtpalast. War diese neue Freiheit auch ein Grund dafür, einen Teil der Arbeit für den Laufsteg aufzugeben?

Ich habe unter meinem Namen fast 40 Jahre Pret-à-Porter gemacht. Es war damals ein guter Zeitpunkt, um aufzuhören und mich auf Haute Couture und andere persönliche Projekte zu konzentrieren, die mir enorm viel Spaß machen – zum Beispiel die Show „The One“. Es war eine großartige Erfahrung und ich hoffe, das Berliner Publikum wird sie mögen.

Ist es heute schwieriger geworden, mit außergewöhnlicher Mode Geld zu verdienen, weil es dafür weniger Wertschätzung gibt?

Ich würde sagen, es ist schwieriger geworden, unabhängig zu bleiben oder ganz klein anzufangen wie ich vor 40 Jahren. Ich bin damals einfach ins kalte Wasser gesprungen und habe erst anschließend gelernt, zu schwimmen.

Ihre Arbeit ist sehr humorvoll – eine Ausnahme in der Modebranche. Warum nehmen viele Leute Mode so ernst?

Weil es in der Tat ein ernsthaftes Geschäft ist, denke ich. Oder vielleicht, weil sie keinen Sinn für Humor haben. Darüber möchte ich nicht urteilen, ich kann nur für mich sprechen. Ich habe es stets als großes Glück empfunden, Mode machen zu dürfen. Es war immer mein Traum – und den lebe ich.

Die Fragen stellte Grit Thönnissen. Das Interview erschien in der gedruckten Zeitung in der Beilage zur Operngala der Deutschen Aids-Stiftung in Berlin, bei der Gaultier mit dem World Without Aids Award ausgezeichnet wurde. Lesen Sie hier einen Bericht zur Operngala.

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