Die Übersetzerin versucht es mit einem Pluralismus-Crashkurs

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Konflikte in Berliner Flüchtlingsheimen : Aus der Heimat geflohen, Hass im Gepäck
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Ahmed – Trainingsjacke, Jogginghose, Flip-Flops – stammt aus einem Dorf in Nordsyrien und sollte Handwerker werden. Auf Wunsch der Familie floh er vor ein paar Jahren in die Türkei, verrichtete Hilfsjobs, bevor er 2015 über den Balkan nach Deutschland kam. „Die Deutschen“, sagt Ahmed, „haben alle ein Auto.“

Die Vorarbeiter in der Türkei hätten gesagt, man brauche in Deutschland einen wie ihn. Einen, der anpacken könne. Sie hätten den Kontakt zu dem Mann hergestellt, der ihm einen Platz auf einem Boot nach Griechenland verkaufte. Ahmed wundert sich nun in Berlin, warum ihm niemand einen Job anbietet. Auf dem Flur habe er erfahren, dass die Deutschen Juden lieber mögen als Araber.

Ahmed erzählt nicht, ob er in Syrien gekämpft hat. Sein Dorf sei jedenfalls lange von der Al-Nusra-Front regiert worden. Das seien anständige Menschen gewesen, sagt er. Die Al-Nusra-Front steht Al Qaida nah, viele ihrer Kämpfer schlossen sich dem „Islamischen Staat“ an.

Ahmed wünscht sich Arbeit, Frau und Kinder. Seine Frau, die noch zu finden wäre, müsse Jungfrau sein. Und … – Mohammed aus Ägypten mischt sich ein: Stimme es, dass deutsche Frauen nackt in der Sonne lägen? Ja, einige tun das, an der Ostsee gibt es Strände für Nackte. Mohammed ist skeptisch: Wieso dürfen die das, wo sind deren Männer!?

Die Übersetzerin versucht es mit einem Pluralismus-Crashkurs. Alle haben die gleichen Rechte, zumindest formal. In Schulen, Cafés, Parks. Eine Frau muss ihren Mann nicht fragen. Manchmal leben Frauen auch mit Frauen zusammen. Mohammed verzieht den Mund: mehr Unglaube als Unbehagen.

"Geheime Mächte" in Ägypten

Mohammed – Pullover und abgetragene Anzughose – sagt, Ägypten sei das beste Land der Welt. Leider stürzten es geheime Mächte ins Chaos. Dazu komme die Invasion von „Affen“ aus dem Süden. Von Alexandria aus ist Somalia weiter weg als Rom. Mohammed, der in einer Bank gearbeitet hat, sagt: „Ägypter sind wertvoller als Schwarze.“

Die Männer in der Küche sprechen nur für sich. Nicht alle Ägypter denken wie Mohammed und nicht alle Syrer wie Ahmed. Vielleicht sind sie in der Minderheit, Syrien war einst gar arabischer Vorzeigestaat: Vor allem Alawiten, Kurden, Aramäer, Drusen und Armenier, aber auch sunnitisch-arabische Akademiker sind oft aufgeklärter. Dennoch wird im Nahen Osten anders über Frauen, Straftäter, Minderheiten gedacht. Dass viele Frauen ihren Mann nicht selbst auswählen, sondern deren Väter das tun, stört Mohammed nicht. Sind solche Ansichten verbreitet?

Die Übersetzerin sagt: Ja – wobei es „enorme Unterschiede“ gebe. In der Syrisch-Orthodoxen Kirche in Tiergarten sitzt ein paar Monate zuvor Amill Gorgis beim Tee. In Syrien geboren, lebt der Ingenieur seit 1970 in Deutschland. Er sagt: „Viele bringen überhaupt keine demokratischen Prinzipien mit.“ Wer unter Sittenwächtern groß wird, hinterfragt Dogmen selten. Da reichten die deutschen Gesetze nicht, sagt Gorgis, da müssten Kultur und Bildung gesellschaftlichen Integrationsdruck erzeugen. Gorgis schlägt vor, Flüchtlinge sollten einmal die Woche ehrenamtlich helfen.

Die Integration wird dauern

Anruf bei einem, der einen Überblick hat, den Flüchtlinge, Helfer und Politiker schätzen. Thomas de Vachroi ist Projektleiter der Diakonie und hat für den Arbeiter-Samariter-Bund die Unterkunft im Rathaus Wilmersdorf aufgebaut: 1300 Bewohner, davon 400 Kinder, 13 Sozialarbeiter, dazu Dutzende – darunter jüdische – Freiwillige. „Ja, es gibt Ansichten, die schlimm sind. Es gibt Gewalt. Aber so richtigen Hass habe ich zumindest bei uns nicht erlebt“, sagt de Vachroi, der seinen christlichen Glauben offen lebt. Doch die Integration werde dauern.

Sie haben damit schon begonnen. Im Rathaus hängen mehrsprachige Aushänge, die homophobes Verhalten untersagen. In den Deutschstunden unterrichten Lehrerinnen. Prügelnde Paschas werden des Hauses verwiesen. De Vachroi, der in Britz für die CDU zur Abgeordnetenhauswahl antritt, beobachtet, dass viele Flüchtlinge in Clan-Kategorien denken, individuelle Rechte müsse man trainieren. „Doch das läuft. Einige Frauen haben bei uns ihre Kopftücher abgenommen, weil sie sehen, dass das geht.“

Helfer aus anderen Heimen berichten, dass es Christen, Homosexuelle, Frauen schwer haben. Namentlich will sich niemand zitieren lassen. „Das schadet in der aktuellen Debatte doch eher“, sagt einer. „Sieht man ja in Sachsen." Viele Männer kämen nicht damit klar, wird berichtet, dass sie in ihrer Heimat als Familienoberhäupter tun konnten, was sie wollten – und in Deutschland unten anfangen müssen. „Zum Müllaufsammeln bückt sich keiner“, sagt eine Helferin. „Manche haben eine Herrenmenschenattitüde.“ Es gebe Halbwüchsige, die beschwerten sich so laut über nicht genehme Speisen, als gebe es ein Recht auf Kobe-Rind.

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