Künstlerin A.L. Steiner im Porträt : Warum Papier böse ist

Die queere Künstlerin A.L. Steiner ist Stipendiatin der American Academy. Mit ihrer Kunst protestiert sie gegen Überproduktion und Massenkonsum. Eine Begegnung am Wannsee.

Anne-Sophie Schmidt
Die amerikanische Künstlerin A.L. Steiner.
Die amerikanische Künstlerin A.L. Steiner.Foto: iO Tillett Wright

A.L. Steiners engste Freundin in Berlin ist eine Spinne. Seit zwei Wochen teilen sich die beiden den Lebensraum in Steiners großzügigem Wohn- und Arbeitsstudio am Wannsee. Sie haben ein symbiotisches Verhältnis. Steiner beobachtet ihre Freundin täglich und lernt durch sie unter anderem mehr über Spinnenarten. Die US-amerikanische Künstlerin ist in diesem Herbst Stipendiatin der American Academy.

Drei Monate lang wird sie in Berlin bleiben und sich in der beschaulichen Umgebung der Akademie einem Thema widmen, das sie seit über 15 Jahren beschäftigt: die Massenproduktion von Scheiße („Crap“) – so zumindest drückt sie es im Titel eines Künstlergesprächs aus, das sie am Donnerstag führen wird. „Wir sind in einem Zustand umweltschädigender, exzessiver Produktion und exzessivem Konsum. Wir müssen anfangen, uns zu fragen, was unser Anteil daran ist. Bücher machen ist einer davon.“ 2003 veröffentlichte Steiner „STOP (Onestar Press)“, ein print-on-demand, in dem sie mit ästhetisch ansprechenden Bildern von Bäumen die Zerstörung dokumentiert, die alleine durch die Verlagsindustrie angerichtet wird.

Der Titel sowie das Ausbleiben nachfolgender Publikationen waren Steiners stiller Protest gegen eine Kultur der Überproduktion. Nur für die Sonntagsausgabe der New York Times, so Steiner, werden jedes Jahr etwa 75 000 Bäume gefällt, der gesamten Zeitungsindustrie in den USA fallen jährlich 95 Millionen Bäume zum Opfer. „Meine kleine Frage, die sich eigentlich mit dem Buchdruck beschäftigt, wird plötzlich eine grundsätzliche Frage. Konfrontiert man die Leute damit, fragen sie sich plötzlich: Müssen wir aufhören, Bücher zu drucken? Es ist ein Angriff auf die intellektuelle Welt.“ Steiner lebt in New York und Los Angeles, Berlin ist für sie der geeignete Ort für solche Diskussionen. Sie ist keine Wissenschaftlerin, sie arbeitet mit Installationen, Videos und Performances. Im Gespräch scheint aber eine wissenschaftliche Ernsthaftigkeit durch. Sie zitiert Theoretiker und Autoren wie Eugene Thacker, Thomas Ligotti oder Marc Fisher, deren zum Teil pessimistische, mindestens aber kritische Gedanken sie geprägt haben.

Alles ist politisch

Ihr helles Studio am Wannsee ist nur spärlich mit persönlichen Dingen eingerichtet. Auf dem Tisch liegt eine alte Wandkarte mit der Darstellung einer Teichmuschel. „Hier sieht man die Wissenschaft im guten und schlechten Sinn. Einerseits verleitet sie zur Hierarchisierung der Werte. Andererseits liefert sie diese wunderschönen Einblicke in die Natur.“ Sie bezeichnet sich als Misanthropin, zeigt sich aber zugleich in ihrer geistigen Umtriebigkeit und ihren künstlerischen Arbeiten weltzugewandt. Trotzig untersucht sie die Schwachstellen der Gesellschaft. „Hinterfrage das Unhinterfragte“ ist ein Leitmotiv der 50-Jährigen.

Für Steiner ist es unmöglich, Kunst getrennt von gesellschaftlich relevanten Themen zu betrachten. „Kunst ist Teil des Systems, teils nehme ich daran teil, teils kommentiere ich es. Kunst schafft eine Spannung zwischen Grenzen, und je größer sie ausfällt, desto stärker wird es als politisch wahrgenommen. Aber es gibt nichts, was wir Menschen tun, das nicht politisch ist.“ „Politisch“ bedeutet für sie „militante Verbundenheit“, in Anlehnung an die deutsche Kulturwissenschaftlerin Katja Diefenbach.

Der Körper als kontroverser Raum

Verbundenheit ist ein Wort, das Steiner oft verwendet. „Wir können unsere Verbindungen miteinander nicht einfach lösen und uns aufspalten in pro- und anti-kapitalistisch. Wir sitzen alle in einem Boot.“ Auch die Themen ihrer künstlerischen Arbeiten sind für sie eng miteinander verbunden. Im Kampf gegen Umweltzerstörung sieht die selbst-erklärte Öko-Feministin dieselben hierarchischen Dominanzstrukturen wie zwischen den Geschlechtern. „Es ist eine kapitalistische, aber auch eine menschliche Tendenz, alles zu klassifizieren. Ich mag Konzepte, die offener und flexibler sind.“ Deshalb bezeichnet sie sich auch lieber als „queere Androgyne“ denn als Lesbe.

Auch Sexualität ist ein zentrales Thema von ihr. In sehr vielen Arbeiten sieht man nackte Menschen. Für Peaches drehte sie ein Musikvideo, in dem sich nackte Frauen im Dreck räkeln und Sex-Orgien feiern. Zusammen mit A.K. Burns entstand „Community Action Center“, ein 70-minütiges Video zwischen feministischem Porno und soziosexueller Studie. Bei aller freizügigen Nacktheit wirken ihre Arbeiten nicht provokativ oder pornografisch im Sinne von sexuell stimulierend. „Nacktheit ist das, was wir alle teilen. Der Körper ist zum kontroversen Raum geworden, entweder er ist nackt und schutzlos, oder angezogen und sauber. Aber für mich ist das anders. Wir wissen doch alle, dass wir eigentlich nackt sind.“ Sie will nicht sensationsheischend sein, sondern eine Spannung schaffen, in der sie eine eigene Schönheit sieht.

Steiner will Denkanstöße liefern

Steiner hat keine allumfassende Lösung für gesellschaftliche Fragen, ihre Antworten sind künstlerische Interventionen, in denen sie vermeintlich selbstverständliche Strukturen stört und Denkanstöße liefert. Für die Installation „30 Days of Mo:)rning“, die letzten Herbst in der New Yorker Galerie Koenig & Clinton lief, verkürzte sie die Öffnungszeiten der Galerie auf vier Stunden pro Tag und zwang so die Mitarbeiter, weniger zu arbeiten. „Das war meine Lösung auf die Frage, wie ich mit diesem Ort arbeiten und die Arbeitslast der Angestellten verringern kann. Wir haben gar keine Zeit, Sorge für uns und unsere Umwelt zu tragen. Wir leben in einem Wirtschaftssystem, das fordert, dass man 20 bis 40 Stunden arbeiten muss, um Essen zu kaufen oder ein Dach über dem Kopf zu haben. Wir sind alle in dieser Logik eingeschlossen.“

Nach ihrem Kommunikationsstudium in Washington arbeitete die Tochter einer Galeristin zehn Jahre als Fotoredakteurin. Bis sie sich näher mit der Produktion der Papiererzeugnisse beschäftigte: „Um ein System zu verändern, musst du zuerst wissen, was du tust. Als ich die Hintergründe der Magazin-Produktion sah, die gerodeten Wälder, da wusste ich, dass ich das nicht mehr tun konnte. Wir haben den Luxus, nicht zu sehen, wo unsere Sneaker hergestellt werden. Aber je mehr man erfährt, desto komplizierter wird es.“ Dass es kompliziert wird, hindert Steiner nicht daran, sich weiter mit ihrem Umfeld auseinanderzusetzen. Und sei es eine kleine Spinne, die in ihrer Wohnung lebt.

„Fighting Crapitalism: An Artist Talk“, 5.10., 19.30 Uhr, American Academy Berlin, Am Sandwerder 17–19

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