Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes : "Manche sagen offen: Schwule nehmen wir nicht"

Wenn Kitas Kinder von Lesbenpaaren ablehnen oder Vermieter keine Schwulen wollen: Christine Lüders über alltägliche Homo- und Transphobie - und einen Aktionstag am Brandenburger Tor.

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Die Anti-Diskriminierungsbeauftragte der Bundesregierung Christine Lüders.
Die Anti-Diskriminierungsbeauftragte der Bundesregierung Christine Lüders.Foto: Mike Wolff/Tsp

Mit einem großen Aktionstag am Brandenburger Tor wird am Mittwoch in Berlin der "Internationale Tag gegen Homo- und Transphobie" begangen: Von 14.30 Uhr bis 18 Uhr wird zum Beispiel über Vorurteile gegen Lesben, Schwule und Bisexuelle diskutiert, die Ehe für alle oder die anstehende Rehabilitierung der unter dem Paragrafen 175 verurteilten Schwulen. Es treten unter anderem Justizminister Heiko Maas, Berlins ehemaliger Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit sowie Bettina Böttinger auf (hier das gesamte Programm). Initiiert hat die Kundgebung am Brandenburger Tor die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Leiterin Christine Lüders erklärt im Interview warum.

Frau Lüders, wozu braucht man noch einen Aktionstag gegen Homophobie wie den vorm Brandenburger Tor? Gerade in einer Großstadt wie Berlin gehen die meisten doch von einem sehr liberalen Klima auch gegenüber Lesben und Schwulen aus.

Wir wollen bundesweit ein Zeichen setzen. Und ob in Berlin oder in der bayrischen Provinz: Lesben und Schwule erleben schon noch Benachteiligungen. Sie sind immer noch nicht rechtlich gleichgestellt. Es gibt keine Ehe für alle, kein gemeinsames Adoptionsrecht. Ganz zu schweigen von der alltäglichen Diskriminierung, etwa in den Schulen, auf den Schulhöfen. Es gibt auch wieder offen homophobe Gruppen und Parteien, die dann gleich mit „Genderwahn“ kommen und von Sonderrechten sprechen. Dabei geht es um etwas ganz anderes: Gleichbehandlung schafft keine Sonderrechte, sie schafft Sonderrechte ab.

Die Antidiskriminierungsstelle berät Opfer von Diskriminierung. Wie oft kommen Homo, Bi- und Transsexuelle zu Ihnen, was sind typische Fälle?

Uns liegen mehr als 800 Fälle wegen der Diskriminierung der sexuellen Identität vor. Da geht es um all die Dinge, die im alltäglichen Leben wichtig sind: Um Vermietungen von Wohnungen zum Beispiel, oder wenn man irgendwo feiern will, Räumlichkeiten für eine eingetragene Lebenspartnerschaft sucht. Da heißt es dann immer wieder: „Schwule nehmen wir nicht“. Das trauen sich die Leute ganz offen so auszusprechen. Oder im Job: Da wird einem schwulen Altenpfleger gekündigt, weil er angeblich nicht ins Unternehmen passt. Ebenso in der Kita, wenn dem Kind eines lesbischen Paares der Platz verweigert wird. All das sind Dinge, die gesetzlich verboten sind und gegen die Betroffene vorgehen können.

Wer hat in der Bevölkerung homophobe Einstellungen?

Homophobie findet man in allen Bevölkerungsgruppen, auch in bürgerlichen Milieus. Das hat eine Studie ergeben, die wir Anfang des Jahres veröffentlicht haben. Auffällig ist, dass Männer eher zu homophoben Einstellungen neigen als Frauen - und ältere Menschen eher als jüngere. Stärkere Religiosität ist ebenfalls mit stärkerer Homophobie verbunden. Genauso gilt das für die, die der Demokratie mehr misstrauen. Es ist dann ziemlich irrelevant, ob sie auf dem Land leben oder in der Stadt.

Internationale Tag gegen Homo- und Transphobie
Anlässlich des "Internationalen Tages gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie" (IDAHOT) fanden am Mittwoch zahlreiche Veranstaltungen in Berlin statt.Weitere Bilder anzeigen
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Wie kann man Alltagsdiskriminierung abbauen?

Es fehlt einfach an Wissen. Man kann zum Beispiel den Schulunterricht nutzen, indem man sexuelle Vielfalt thematisiert. Da geht es gerade nicht um Sexualpraktiken, wie Gegner immer unterstellen. Sondern um die Akzeptanz von Lesben und Schwulen, Trans- und Interpersonen. Manche wissen überhaupt nicht, unter welchen Diskriminierungen diese Menschen überhaupt leiden.

Sie haben es schon angesprochen: Um den Sexualunterricht in den Schulen gibt es inzwischen eine Art Kulturkampf, aus konservativen Kreisen wird gerade gegen Aktionspläne für mehr Vielfalt Stimmung gemacht. Wie nehmen Sie die Auseinandersetzung wahr?

Der übergroße Teil der Bevölkerung versteht, warum diese Pädagogik der Vielfalt nötig ist. Sie sind dafür, dass diese Inhalte vermittelt werden. Auch das hat unsere Studie gezeigt. Aber es gibt dann auch Gruppen wie die „Besorgten Eltern“ und die „Demo für alle“, die unter dem Deckmantel des Jugendschutzes offene Homophobie betreiben. Sie behaupten, sexuelle Vielfalt sei ein ideologisches Ziel. Was ist das für ein Unsinn! Wir reden hier von der Lebenswirklichkeit!

Gerade Rechtspopulisten spielen auch mit den Ängsten von Homosexuellen vor dem Islam. Wie kann man verhindern, dass hier Minderheiten gegeneinander ausgespielt werden?

Eines ist ganz klar: Wir müssen Homophobie ernst nehmen und uns ihr entgegenstellen, egal aus welcher Richtung sie kommt. Bei den Rechtspopulisten muss man allerdings wirklich genau hinschauen: Was für ein Gesellschaftsbild propagieren diese Parteien? Und da sehen wir überall in Europa, dass es letztlich darum geht, Fortschritte für Minderheiten zurückzudrehen; dass homosexuellen Paaren das Recht auf Familie abgesprochen wird; dass der Schutz vor Diskriminierung abgelehnt und verspottet wird; dass es darum geht, Gesellschaften zu schaffen, in denen sich homosexuelle Menschen wieder unsichtbar machen sollen.

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