Martina Navratilova wird 60 : Die mit der Angst spielt

Es war schwer für Martina Navratilova, zur besten Tennisspielerin der Welt zu werden - auch wegen der Vorurteile, die ihr wegen ihres Lesbischseins entgegenschlugen. Jetzt wird sie 60.

Michael Schophaus
So nicht, Schiedsrichter! Martina Navratilova wehrt sich bei den Australian Open 2003. Da war sie 46.
So nicht, Schiedsrichter! Martina Navratilova wehrt sich bei den Australian Open 2003. Da war sie 46.Foto: Reuters

Vor sechs Jahren erfährt Martina Navratilova, dass sie Krebs hat. Guten Krebs. „Was ist das“, fragt sie, „guter Krebs?“ „Keine Chemo“, sagt die Ärztin, die auch ihre Freundin ist, „nur Bestrahlung.“ Sie hat den Knoten in der Brust ertastet. Die Wahrscheinlichkeit, dass er zurückkommt, liegt bei fünf Prozent.

Navratilova ist verstört, fürchtet sich vor sich selbst. Bisher hat sie die Angst immer besiegt, sie mutig ausgelacht. Sie macht einen Pilotenschein, weil sie Flugangst hat. Sie hängt sich einen Python um den Hals, um die Angst vor Schlangen zu überwinden. Sie fürchtet tiefe Gewässer und geht im offenen Meer tauchen.

„Wenn was Schlimmes passiert“, sagt sie, „suche ich nach Lösungen.“ Aber ihr Körper will plötzlich nicht mehr. Ein Körper, der sie reich gemacht hat. Über 23 Millionen Dollar hat er ihr mit Tennis eingebracht. Sie konnte sich ein Leben lang auf ihn verlassen. Nun trägt sie etwas in sich, das nicht da sein sollte. Die Behandlung geht ihr oft nicht schnell genug. Nach dem letzten Termin gibt sie eine große Party. Heute gilt sie als geheilt.

Sie ist damals 53 und will jetzt Dinge machen, die sie zu lange aufgeschoben hat. Geld hat sie ja genug. Sie steckt sich Nadeln in die Weltkarte. In Orte, wo sie noch nicht war. Alaska. Madagaskar. Galapagos. Sansibar. Kilimandscharo. „Jetzt beginnt mein zweites Leben“, sagt sie. Was Menschen eben so sagen, die es sich leisten können.

Als Kind hielt man sie für bekloppt

Ihr erstes beginnt vor fast 60 Jahren in Rewnitz, einem Kaff bei Prag. Als Kind kennt sie jeder, sie läuft mit einem Rucksack voller Ziegelsteine herum. Hüpft, rennt, klettert auf Mauern, um starke Beine zu kriegen. Prügelt stundenlang Tennisbälle gegen die Wand ihres Hauses an der Prazka Ulice.

1978 kämpft sie beim WTA Filderstadt.
1978 kämpft sie beim WTA Filderstadt.Foto: imago

Die Leute schütteln den Kopf, ach, wieder die Bekloppte, tuscheln sie, diese Martinka. In der Hand hält sie den abgesägten Holzschläger ihrer Großmutter Agnes, der böhmischen Meisterin von 1935. Martina verehrt sie über alles.

Der Tennisplatz liegt direkt hinterm Haus. Ihre Eltern spielen dort, sooft sie können. Sie lassen sich scheiden, als ihre Tochter drei ist. Ein paar Jahre später bringt sich der Vater um. „Papa ist weg“, sagt man ihr, niemand trocknet ihre Tränen. Der Wind bläst rau in Rewnitz. Irgendwann legt sich Mirek, der Trainer des Vereins, zu ihrer Mutter ins Bett.

Mirek entdeckt das große Talent der kleinen Martina. Scheucht sie mit fünf über den Platz, jeden Tag nach der Schule, mit acht nimmt sie an ihrem ersten Turnier teil. Ein Jahr später schickt Mirek sie nach Prag, er kann ihr nichts mehr beibringen. Sie fährt die 24 Kilometer mit dem Zug in die Stadt. Manchmal darf sie auf Mireks alter Kiste sitzen. Er zurrt sie mit Paketband am Motorrad fest, damit sie nicht runterfällt. Mutter Jana soll es nicht wissen.

Amerika, "ein Paradies zum Kotzen"

Martina Navratilova ist mit 16 die beste Spielerin der Tschechoslowakei. Die Schläge kommen wie im Schlaf, sie drischt die Bälle übers Netz, knallhart. Kaum einer hält sie für ein Mädchen. Sie fährt Ski im Riesengebirge, rauft sich mit den Jungs aus der Nachbarschaft im Fußball und Eishockey. Kurze Haare, Männerhosen, Holzfällerhemd. Sie steigt auf Bäume, schraubt an Mopeds. Martina entspricht nicht dem Frauenbild ihrer Heimat.

Sie fällt der Staatssicherheit auf, wird ständig vom Verband gegängelt. Der profitiert von ihrem Können, nur elf Dollar Tagessatz vom Preisgeld darf sie behalten. 1968 steht sie mit offenem Mund auf dem Platz, als neben ihr russische Panzer nach Prag einrollen. Sie hasst den Großen Bruder aus Moskau. Kommunisten enteignen das Haus ihrer Mutter. Sie weiß nicht, wohin mit ihrer Wut. Steckt sie in die Wucht ihrer Schläge.

Königin von England. Im Lauf ihrer Karriere wird Navratilova 20 Titel auf dem Rasen von Wimbledon holen.
Königin von England. Im Lauf ihrer Karriere wird Navratilova 20 Titel auf dem Rasen von Wimbledon holen.Foto: Alamy Stock Photo

Das Land wehrt sich. Doch der Kalte Krieg ist stärker als der Prager Frühling. Der Alltag erstarrt immer weiter, sie weiß, sie muss ins Ausland, um besser zu werden. 1973 ist sie zum ersten Mal auf einer Turnierserie in den USA. Sie staunt, genießt das süße Leben. Schaufelt alles in sich hinein, was sie nicht kennt. Taucht in eine Welt aus Junk Food und Eisbechern ein. „Ein Paradies zum Kotzen“, heißt es in einer ihrer Biografien. Es ist, als hätte man sie in Disneyland freigelassen.

Irgendwann wiegt sie 75 Kilo, bei 173 Zentimetern Körpergröße. Es würgt sie beim Blick in den Spiegel, der Kapitalismus steht ihr bis zum Hals. Sie hungert, setzt sich bekleidet in die Sauna. Spielt sich dünn, bevor sie nach Hause fliegt. „Mit der cholerischen Energie ihres Willens“, wie der Schriftsteller Wolf Wondratschek später über sie schreibt.

Zwei Jahre danach bleibt sie für immer in den USA. Ein schwerer Schritt für eine junge Frau, die gerade mal 18 ist. Am 6. September 1975 stellt sie einen Antrag auf politisches Asyl. Es sollte fünf Jahre dauern, bis er genehmigt wird. Solange ist sie staatenlos, man traut ihr nicht. Der Eiserne Vorhang wirft seinen Schatten bis nach Amerika. Sie erhält Morddrohungen, aus Angst legt sie sich einen Revolver zu.

Mit jedem Sieg wird sie mehr gehasst

Im Mai 1978 gewinnt sie zum ersten Mal Wimbledon. Besiegt Chris Evert in drei Sätzen, mit der sie bereits im Doppel zwei Jahre vorher erfolgreich war. Mirek hat es schon immer gewusst, kann es in Rewnitz am Radio hören. Seine Martina, die Königin von England! In ihrer Karriere wird Navratilova 20 Titel auf dem heiligen Rasen holen. Nur Billie Jean King schafft es genauso oft.

Chris Evert gegen Martina Navratilova. Die nächsten Jahre sind geprägt vom Zweikampf dieser beiden Frauen. Gut gegen Böse. Die Schöne gegen das Biest. Die Zuschauer buhen, wenn die aus dem Osten das Stadion betritt. Navratilova spielt das Spiel der launischen Diva mit. Grimmiger Blick, patzige Gesten. Statt eines Rockes trägt sie kurze Hosen.

Sie spielt kein Tennis. Sie zieht ständig in den Krieg. Reißt einem Fotografen die Kamera aus der Hand, trampelt sie kaputt. Brüllt, zielt mit dem Schläger auf den Schiedsrichter, als wolle sie ihn erschießen. Während die Evert mit dem Publikum flirtet. „Come on“, hört Navratilova jemanden rufen, „wir wollen, dass eine richtige Frau gewinnt.“ Mit jedem Sieg wird sie mehr gehasst.

New York, London, Paris, Berlin, Melbourne. Navratilova wird 1978 Erste der Weltrangliste. Insgesamt ist sie das 331 Wochen lang. Sie siegt für ihr Konto, für ihr Ego, in die Herzen der Amerikaner siegt sie sich nicht. Sie spielt weiter die Rolle des bösen Mädchens. Wettert später gegen die Politik von George Bush, den ersten Irakkrieg, Tierquälerei.

Queerspiegel - Der Tagesspiegel-Blog für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen und für alle, für die die Welt bunt wie ein Regenbogen ist.

8 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben