Medientrend Transgender-Themen : Drama, Baby!

Schwul ist nicht mehr spektakulär. Dafür hat die Unterhaltungsindustrie jetzt Transgender-Themen entdeckt.

von
Powerfrau. Laverne Cox in der Serie „Orange Is The New Black“.
Powerfrau. Laverne Cox in der Serie „Orange Is The New Black“.Foto: Paul Giraldi/Netflix

„Abartig!“, ruft die brünette Frau und stürmt aus dem Haus. Gerade hat sie erfahren, dass der 17-jährige Sohn ihres neuen Geliebten Mädchenkleider trägt und sich mit einem weiblichen Vornamen anreden lässt. Nachdem sie die Tür zugeschlagen hat, ist es aus mit der Beziehung zum Berliner Koch Tobias. Der von Heino Ferch gespielte Macho-Typ steckt das relativ locker weg. Aber ein neues Verhältnis zu seinem Sohn Finn aufzubauen, der jetzt Helen ist, das fällt ihm schwer.

„Mein Sohn Helen“ hieß dieser kürzlich zur besten Sendezeit in der ARD ausgestrahlte Film, mit dem sich die Anstalt vorsichtig in für sie noch neues Terrain wagte. Die Produktion litt zwar unter Drehbuch-Unbeholfenheiten und war sicher auch nicht von so bahnbrechender Symbolkraft wie 1990 der erste schwule Kuss in der „Lindenstraße“. Dennoch ist der Film ein deutliches Zeichen dafür, dass Transfiguren und Transgender-Themen im deutschen TV-Mainstream angekommen sind. Dass mit Pari Roehi in „Germany’s Next Topmodel“ zudem eine Transfrau über die Laufstege stöckelte, deutet ebenfalls darauf hin.

Transfrauen auf Hochglanz-Covern

Deutsche Medienmacher folgen zaghaft einem in den USA schon länger und stärker erkennbaren Trans-Trend, der diese Woche mit dem Spektakel um den „Vanity Fair“-Auftritt von Caitlyn Jenner einen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat. Jenner löst Laverne Cox als glamouröses Trans-Cover-Girl ab. Die Schauspielerin war letztes Jahr auf dem Titel des „Time“-Magazins und im Mai auf dem der „Variety“. Bekannt wurde die 31-jährige Cox mit ihrer Rolle als Friseurin in der Gefängnisserie „Orange Is The New Black“, deren dritte Staffel ab 12. Juni auf Netflix zu sehen ist. Wieder mit Cox als Sophia, die im Frauengefängnis für gute Frisuren und Ratschläge zuständig ist. Gleichzeitig kämpft sie um die Akzeptanz ihres Sohnes, der mit dem Genderwechsel seines Vaters einige Probleme hat.

Transfiguren in Filmen und Serien
Die Serie "Transparent" ist bereits mehrfach mit Golden Globes und Emmys ausgezeichnet worden. Die Serie ist eine der ersten, die Amazon produziert hat. Gerade erst ist die zweite Staffel veröffentlicht worden - hier eine Szene aus der ersten Folge der zweiten Staffel.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: obs/Amazon.de
14.12.2015 10:56Die Serie "Transparent" ist bereits mehrfach mit Golden Globes und Emmys ausgezeichnet worden. Die Serie ist eine der ersten, die...

Die „Orange Is The New Black“-Figuren sind sowohl mit ihrer sexuellen Orientierung und ihrer Genderperformance als auch mit ihrem ethnischen Hintergrund ungewöhnlich vielfältig. Eine weiße Butch-Lesbe, ein schwarzer Tomboy, heterosexuelle Latinas, eine schwarze Transfrau und eine weiße Bisexuelle als Hauptfigur – sowas hat noch keine US-Serie gewagt. Dass das Team um Jenji Kohan damit Erfolg hat, beweist, dass es ein Publikum für Produktionen mit hohem Diversity-Faktor gibt. Der ist schwer zu übertreffen, zumal in einer Zeit, in der – zumindest in der westeuropäischen und nordamerikanischen Unterhaltungsindustrie – homosexuelle Figuren in Vorabendserien obligatorisch geworden sind und der Anblick queerer Pop-Stars zum Alltag gehört. Selbst Spielfilm-Sexszenen zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren haben ihren Exotikfaktor weitgehend eingebüßt. Von daher ist es naheliegend, dass sich Hollywood & Co. der nächsten noch etwas fremd und aufregend wirkenden Gruppe zuwendet: den Transmenschen. Verglichen mit Lesben und Schwulen, die durch jahrzehntelangen politischen Aktivismus und kulturelle Arbeit, eine gewissen gesellschaftlichen Status erreicht haben, sind sie längst nicht so akzeptiert.

Pionierarbeit: die Serie "Transparent"

Krasse Vorurteile und homophobe Sprüche sind zumindest in weiten Teilen der westlichen Welt nicht mehr salonfähig – und damit auch nicht mehr als Erzählstoff zu gebrauchen. Dass ein TV-Charakter aus dem bürgerlichen Berlin einen jungen Schwulen als „abartig“ bezeichnet, erschiene arg reaktionär und unrealistisch, ein Trans-Mädchen so zu beschimpfen, hingegen nicht. Das dramatische Potenzial ist also hoch, wobei hoffentlich – ähnlich wie bei den Homos – irgendwann die Opfergeschichten weniger werden. Coming-Out-Storys oder Lebenswege von Transmenschen standen bisher aber nur selten („Transamerica“, „Boy’s Don’t Cry“) im Mittelpunkt. Doch jetzt könnte Trans das neue Schwul werden.

Pionierarbeit hat Amazon mit seiner Grammy-dekorierten Serie „Transparent“ geleistet. Im Mittelpunkt der Geschichte um eine dysfunktionale, jüdische Familie in Los Angeles – inspiriert vom Vater der Macherin Jill Soloway – steht Mort Pfefferman, der im Rentenalter endlich seinem Wunsch folgt, als Frau zu leben. Maura outet sich nach und nach bei ihren Kindern und erkundet ihre neue Freiheit. Die drei Kids und Mauras Ex-Frau sind hingegen viel zu sehr mit dem eigenen chaotischen Leben beschäftigt, um zu erfassen, was Maura empfindet.

Queerspiegel - Der Tagesspiegel-Blog für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen und für alle, für die die Welt bunt wie ein Regenbogen ist.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben