Momente eines Transgender-Mannes : Mein Weg von einer weißen Frau zum Mann mit Migrationshintergrund

Das erste Mal in der Männerumkleide, Diskriminierung in der Teestube: Der Berliner Autor Jayrôme C. Robinet ist Transgender-Mann - und schreibt in seinem Gastbeitrag über überraschende Alltagsmomente zwischen den Geschlechtern.

Jayrôme C. Robinet
Der Berliner Autor Jayrôme C. Robinet.
Der Berliner Autor Jayrôme C. Robinet.Foto: Katarzyna Matejczuk

Das erste Mal, als ich im Fitness-Studio in die Männerumkleide ging, habe ich eine halbe Stunde gebraucht, um den Raum zu betreten. Nicht, dass die Tür tonnenschwer wäre, aber ich hatte keine Eile. Ich setzte mich erstmal im Eingangsbereich der Muckibude und atmete tief durch. "Was erwartet mich auf der anderen Seite?" "Werde ich auffliegen?" "Kann es gefährlich für mich sein?" Angst machte die Türklinke zur schwersten Kurzhantel der Welt.

Was mir in der Männerumkleide zuerst auffiel, sind die Haargel-Spender. An der Stelle, wo bei Frauen Föhn hängen, steht hier Haargel. Eine Butch-Freundin, der ich das erzählte, beschwerte sich: Haargel würde sie meistens zu Hause vergessen und sie fänd es dufte, stünde welches auch in der Frauenumkleide. Haarpolitik ist bekanntlich gegendert.

Was mir in der Männerumkleide als Zweites auffiel, ist das Quatschen.

Aus der sogenannten Frauenumkleide kannte ich es, dass sich nur Leute sich unterhalten, die sich kennen. Bei den Männern* scheint es anders zu laufen. Nachdem ich meine Sporttasche im Schrank verstaut hatte, wandten sich zwei Typen an mich, die sich bis dahin Dinge auf dem Smartphone gezeigt hatten und dabei losprusteten.

In der Frauenumkleide unterhalten sich Menschen, die sich kennen....

Der eine hält eine Trainingshose vor sich hin, so etwa in Größe XXL:

„Haste gesehen?“

Ich bin unsicher, was er damit meint. Wie bei einem Gewinnspiel, zu dem ich mich nicht angemeldet habe, setze ich im Kopf ein selbstgebasteltes Glücksrad in Drehung. Als der Dorn das Rad abbremst, zeigt er mir eine Antwort.

„Das ist nicht meine“, erwidere ich.

'Bankrott' zeigen zwei Gesichter.

„Ist seine“, sagt der Eine und deutet mit einer leichten Kopfbewegung auf seinen Kumpel.

War meine“, korrigiert der Freund. Und dann wieder zu mir: „Kannste dir vorstellen? Ich war mal 40 Kilos dicker! Hab alles wegtrainiert! In... wie lange?“

Er dreht sich zu seinem persönlichen Glücksrad.

„... 6 Monaten“ hilft ihm der Freund auf die Sprünge.

Als Beweis wird mir ein Handy entgegengestreckt: Auf dem Foto trägt jemand die XXL-Hose.

„Das bin ich! So sah ich früher aus! Krass, oder?“ sagt der er und seine Augen funkeln.

Kurz überlege ich, ob ich auch mein Handy zücken soll, um meinen neuen Freunden ein Bild von mir zu zeigen: Ich im Glitzer-Kleid: „Das bin ich! So hab ich mal ausgesehen! Krass, oder?“

Was sagt mein Glücksrad?

'Aussetzen', zeigt mir der Dorn im Auge.

Warum darf eine Frau bei den Männern putzen?

Ihre Hand ist so beschäftigt, dass alles um sie herum schweigt, als würde sie allen weiteren Geräuschen den Zeigefinger auf den Mund legen. Ich schaue zu der Frau. Ich schaue sie an und möchte ihrem Blick begegnen. Ich möchte sie anlächeln, wie einen Menschen. Die Frau ist dabei zu putzen und ihr Blick hebt sich nicht. Heißer Dampf und Zitronenduft kriechen aus ihrem Eimer hinauf.

Sie putzt bei den Männern sowie bei den Frauen.

Das hatte ich damals gemerkt, als ich noch in die Frauenumkleide ging, dass da drüben gar keine Männer sein dürfen: Fitness-Studio-Mitgliederinnen, Ein-Tag-Gästinnen, Mitarbeiterinnen, Kursleiterinnen und Springerinnen und auch die Menschen, die putzen ... reine Frauen.

Der Schrank und ich starren uns an und überlegen, ob wir miteinander sprechen oder lieber weiter schweigen sollen. Über den Holzbänken sehe ich auf Augenhöhe: ein paar Handtücher, die am Haken hängen und die Luft anschneiden. Der Geruch vom Citrus-Reiniger mischt sich mit dem von Schweiß.

Warum darf diese Frau bei den Männern putzen und kein Mann bei den Frauen? Warum darf nicht einmal eine männliche Reinigungskraft die Frauenumkleide betreten?

„Wegen Rape Culture, weißte, für Frauen wäre ein Typ eine Gefahr, das wäre nicht safe“, sagt meine innere Stimme.

Unter diesen Umständen wollen meine Hände in der Sporttasche sofort verschwinden. Meine Hände sind schwer. Ich wünschte, sie wären so leicht, dass sie wegflögen, wenn ich dagegen puste. Federne Finger. Ich hätte gern Hände, die die Fähigkeit besitzen, niemandem weh zu tun.

Es muss mit der Rape Culture zusammenhängen

Rape Culture also... Doch steckt in dem Grund, warum Frauen in den Männerumkleiden putzen dürfen und nicht umgekehrt, nicht noch mehr drin?

Klar. Frauen als potentielle Opfer zu Lustobjekten herabgesetzt. Sozio-politische Faktoren, die Missbrauch und Vergewaltigungen begünstigen. Also werden Frauen gebeten, ihre Kleidung, sowie die Art der Kontakte und Unternehmungen und auch die Orte, in denen sie sich in Anwesenheit von Männern aufhalten, mit Vorsicht auszuwählen.

Deshalb.

Ein einziger Putzmann würde bei Frauen, die sich gerade umziehen, auch wenn diese Frauen eine 20-köpfige Gruppe also die eindeutige Mehrheit bilden, eine Gefahr für diese Frauengruppe darstellen. Der Wolf im Schafstall. Und wenn er nichts unternimmt, was ist mit seinen lüsternen Blicken? Dem Kopfkino? Männer nehmen kein Blatt vor die Augen, das wissen wir.

Frauen müssen gesondert beschützt werden.

Ist der Mensch, der gerade putzt, keine Frau?

Ist sie keine Frau, die besonders in Schutz genommen werden muss?

Sie wird ganz allein in die Höhle der Löwen geschickt, warum?

Ihre Sozialschicht.

Eine Putzfrau.

Keine Frau, die putzt. Eine Putze.

Und wenn etwas passiert... Der Ex-Direktor des Internationalen Währungsfonds, der 2011 im New Yorker Sofitel eine Frau sexuell belästigt und vergewaltigt haben soll, genoss ja "vollständige Immunität". So beantragte er die Einstellung der Zivilklage.

Das Strafverfahren war von der US-Justiz sowieso schon eingestellt worden, weil das mutmaßliche Opfer als "nicht glaubwürdig genug" galt. Das angebliche Opfer war ja ein Zimmermädchen, ein Mädchen für alles. Und sie war Schwarz. Ein Jahr später wurde in Frankreich ein Ermittlungsverfahren gegen den Mann wegen Vorwurf der schweren Zuhälterei eingeleitet. Drei Jahre später waren laut Umfrage 37 Prozent der Befragten der Meinung, dass der Mann ein guter Kandidat für die französischen Präsidentschaftswahlen 2017 wäre.

Schafstall. Höhle der Löwen.

Menschen, die keine Männer sind, werfen keine lüsternen Blicke?

Ein zweiter Grund meldet sich und hat eine weitere Meinung:

Menschen, die keine Männer sind, werfen auch keine lüsternen Blicke.

Frauen sind überhaupt nicht lüstern.

Frauen erobern nicht.

Sie haben keinen Trieb. Keine Libido. Kein Kopfkino.

Welche Gefahr könnte denn von einer Frau ausgehen?

Der Stoff meines Hemdes flattert nicht im Wind, kein Wind, nichts weht, und die plötzliche Nähe zwischen mir und ihr, das Spüren der Nähe zwischen uns wirkt fremd. Und so bleibe ich. Ich schließe die Augen und blende die Helligkeit selbst.

Wenn ich meine Augen wieder öffne, gibt es in meinem Blickfeld: immer mehr Handtücher, acht, neun, elf Stück, hängend, liegend, verlassen, zusammengeknüllt, alle Menschen sind weg.

Direkt darüber ein Schild:

Liebe Mitglieder & Gäste! Bitte beachten Sie, dass es für die Handtücher einen Rückgabe-Einwurf im Eingangsbereich gibt. Daher bitten wir Sie, diesen Einwurf zu nutzen und die Handtücher nicht in den Umkleiden liegen zu lassen. Vielen Dank für Ihre Unterstützung.

Ist Nachsicht das Gegenteil von Vorsicht?

Ich schaue vorsichtig auf die Frau, die putzt. Der Mops wird geschleudert, Wasser tröpfelt in den Eimer.

Ich schaue die Frau, die putzt an. Die Sauberkeit der Umkleide trägt nun die Bewegung dieser Person in sich.

Meine Hände sind federschwer.

Ich schaue die Frau an.

An ihrer Stelle würde ich gern das Handtuch werfen.

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