Nachruf auf Fabrizio Frangelico (Geb. 1964) : Traum und Lüge

Er liebte alle, alle liebten ihn. Eine Lüge? Selbstverständlich, aber eine süße. Gut fürs Geschäft und für die Stimmung, auf die Dauer aber viel zu anstrengend für den süßen Lügner. Der Nachruf auf einen überforderten Strahlemann.

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Nachruf
NachrufFoto: Doris Spiekermann-Klaas

Es gibt viele, die ihn gemocht, vielleicht sogar geliebt haben, die diesem Mann, der so jäh und mysteriös aus dem Leben gerissen wurde, nichts mehr gönnen würden als einen Nachruf, über dem sein Name steht. Wir aber nennen ihn Fabrizio. Warum sein wahrer Name hier nicht steht, wird im Lauf der Geschichte wohl verständlich. Es hat mit seiner Eigenart zu tun, alles zu machen, um gemocht, geliebt zu werden, von jedermann. Aber everybody’s darling – so etwas gibt es nicht.

Seine Eltern in Rom haben ihn geliebt und verwöhnt, natürlich haben sie das, italienische Familie, einziger Sohn, drei Schwestern. Er erkannte früh, dass er die Männer begehrte und nicht die Frauen. Na was? Soll er doch. Man muss es ja nicht an die große Glocke hängen. Dass er ein kluger Kerl war, hat er auch nur jene wissen lassen, die es wissen mussten. Viele Lehrer hielten ihn für beschränkt, während er Mitschülern für Geld die Hausaufgaben machte. Beim Abitur war er der Beste seiner Schule.

Während des Militärdienstes hatte er seinen ersten Freund

Während des Militärdienstes hatte er seinen ersten festen Freund, großartiger Kerl, von dem er später schwärmte: „eine Bombe“. Er studierte Mathematik, und brachte das nicht zu Ende, weil eine seiner Schwestern krank wurde und er sich um die Pflege kümmerte.

Statt das Studium wieder aufzunehmen, ging er nach Deutschland. Da war er Mitte 20 und dort angelangt, wo er nie wieder wegkam: auf der Suche nach dem echten Leben, dem unverstellten, ungespielten, in dem es einen gibt, der einen liebt, und wo man sein kann, der man ist. Vielleicht, so mochte er gedacht haben, ist es in der Ferne leichter, den einen und sich selbst zu finden.

Der Italiener lernte Deutsch und brachte Deutschen Italienisch bei und merkte, was die Deutschen mögen. Italiener, die sich verhalten, wie sich die Deutschen Italiener vorstellen: überschwänglich, beste Laune, große Geste, laaange Vokaaale.

Die Freiheit, offen schwul zu sein

Was er fand? Die Freiheit, offen schwul zu sein. Geliebte Männer, hin und wieder währte die Beziehung über Jahre. Aber den einen? Und sich selbst?

Wer kann das schon sagen? Man sucht nur mehr oder weniger danach. Fabrizio suchte mehr.

Die ersten Jahre in Hamburg, seit 2000 in Berlin. In Hamburg hatte er mit einem Freund eine Bar betrieben, in Berlin machte er mit einer Freundin ein Restaurant auf, das seinen Namen trug. Der klang schön italienisch, und er, der Chef und Italiener, verhielt sich entsprechend. Ciao! Eh, wie geht's?! Mein Liiiieber, willst du uns wirklich schon verlassen!

So ging er mit den lieben Gästen um, und mit den lieben Angestellten auch. Schaaaatzi! Die Rollen waren gut verteilt: Die Frau, mit der er das Restaurant betrieb, trug die Konflikte aus. Fabrizio war für die gute Laune zuständig. Er umarmte Geschäftspartner, er vergab herzlich-unverschämte Spitznamen. Eine Angestellte, die die Modelmaße ein wenig überschritt, nannte er „Titania“, und selbst „Titania“ lachte nur und freute sich mit ihm.

Fabrizio liebte alle, alle liebten Fabrizio

Das Geschäft lief prächtig, Leute aus der Nachbarschaft kannten ihn, und er kannte die Leute. Ob Kunde oder Angestellter, alles Freunde, alles Schätze. Fabrizio liebte alle, alle liebten Fabrizio. Eine Lüge? Selbstverständlich, aber eine süße. Gut fürs Geschäft und für die Stimmung; auf die Dauer aber viel zu anstrengend für den süßen Lügner.

Er merkte ja, wenn jemand seine Güte und seine Hilfsbereitschaft schamlos ausnutzte. Nie hat er etwas gesagt. Kein böses Wort. In solchen Fällen setzte Fabrizio auf Geheimdiplomatie. Wenn du mich hintergehst, hintergehe ich dich, und niemand soll davon erfahren. Wir lächeln und wir lieben uns. Seelenakrobatik.

Nach vier Jahren konnte Fabrizio nicht mehr. Er wurde still, kam nur noch in den Laden, wenn es gar nicht anders ging, und wenn er kam, dann durch die Hintertür. Bloß niemandem begegnen, der ihn nach seinem Befinden fragen würde.

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