Nachruf auf Horst Richter (Geboren 1940) : Zwei Schweineöhrchen maximal!

Offensiv im schwulen Leben, ansonsten: Mürbeteig, Rührteig, Blätterteig, sieben Tage die Woche. Ein Nachruf auf Horst Richter, den Chef des "Café Richter" in der Giesebrechtstraße.

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Horst Richter (1940-2016) in den achtziger Jahren Foto: privat
Horst Richter (1940-2016) in den achtziger JahrenFoto: privat

Jeden Abend hat sich sein Tagewerk vollständig verkrümelt. Es muss in der Früh wieder ganz neu errichtet, die Vitrine muss bestückt werden. Sieben Tage hat das Café geöffnet, sieben Tage ist Horst Richter da. Nie käme es ihm in den Sinn, einen Ruhetag einzuführen. Das „Café Richter“ in der Giesebrechtstraße unterscheidet sich ohnehin kaum von einem plüschigen Wohnzimmer: die Polsterbänke über Eck, die weißen Tischdecken, die Vitrinen, die Porzellanfiguren, die deckenhohe Wandtapete mit der beeindruckenden Luftansicht von Schloss Neuschwanstein im Wald.

Kommt einer und will 20 Schweineöhrchen auf einmal kaufen, womöglich alle, die in der Auslage prangen, brüllt der Chef aus der Küche: „Der kriegt nur zwei!“ Die Nachfrage ist ja immer größer als das Angebot, er muss haushalten, schließlich macht er fast alles selbst. Niemand kann einfach hereinspazieren und glauben, die Vitrine leer kaufen zu können.

Torten addieren sich nicht von selbst zu einem beeindruckenden Lebenswerk. Es braucht jemanden wie Horst Richter, dessen Absicht Tag für Tag aufgeht in einem Hefekuchen, sich in der sagenhaft mürben Aprikosentarte verbreitet und in den Sahnehauben kringelt. Erst die Regelmäßigkeit, erst die Konstanz macht aus Gebäck nach über 30 Jahren ein Lebenswerk.

Horst Richters Vater, ein Konditor, ernährt mit seinem Geschäft in der Damaschkestraße die Familie. Horst hat zwei Schwestern und drei Brüder. Und er ist es, der wie einst der Vater eine Konditorenlehre beginnt. In seiner Freizeit steht er mit Freunden am Filmpalast an für Autogramme von Mitzi Gaynor, Jayne Mansfield und Liselotte Pulver.

Es sind die Fünfziger, Homosexualität ist strafbar. Aber Horst Richter kennt kein Wenn und kein Aber. Er rüscht sich auf und nimmt ein Taxi zum Berliner Tuntenball. Nie versteckt er sich, Fotos werden geschossen, Horst mit Ohrringen, Perücke, Pumps, mit Federboa und geradem Blick. Schwul sein heißt auch mit falschen Wimpern klimpern. Die Eltern schweigen dazu. Aber in der Familie erzählen sich die Geschwister, dass Horst schon als Kind, kurz nach dem Krieg in Neukölln mit einem Nachbarsmädchen Hochzeit gespielt habe. Und er war die Braut.

Horst Richter 1959 Foto: privat
Horst Richter 1959Foto: privat

Mit 18 Jahren geht der Junge in die Schweiz, er braucht mal etwas Luft. Er arbeitet als Patissier im „Beau Rivage“ in Genf, lernt auf allen Gebieten, und als er nach einigen Jahren mit seinen raffinierten Teigen wieder nach Berlin zurückkehrt, nimmt er, es sind die beginnenden Sechziger, regelmäßig die fünf Stufen hoch zu einem Laden am Kottbusser Tor. Hinter der Tür tragen alle Männer schwarzes Leder. In den Siebzigern besucht er die berüchtigte Schwulenbar „Kleist-Casino“. Ansonsten: Mürbeteig, Rührteig, Brandteig, Blätterteig. Sieben Tage die Woche. Seit 1970 führt er den Laden des Vaters fort. Nur, dass Horst noch besser backt.

1977 eröffnet er endlich sein eigenes Geschäft. Grün schwingt die Leucht- Neon-Schrift über der Terrasse des „Café Richter“. Es wird seine Bestimmung, sein Wohnzimmer, sein Lebensmittelpunkt. Und zugleich einer der Kristallisationspunkte der schwulen Szene. Horst Richter kombiniert das wilde Leben mit einer großen Disziplin. Zum Wohle Berlins. Denn statt der üblichen Berliner Zuckerklopse liegt in seiner Vitrine Gebäck von einer konditorenhaften Finesse, die anderswo kaum jemand bietet. Viele kommen der Kuchen wegen, aber immer wieder kommen sie auch, weil Horst hier seine Art verbreitet. Und einige kommen, obwohl sie überhaupt nie Kuchen essen, das muss man wohl die Krönung nennen. Horst Richter macht ihnen ein Würstchen heiß.

Der ewige Kindheitsgeschmack

Sein Vater hatte, bevor er in den Krieg eingezogen wurde, ein kleines schwarzes Büchlein mit Rezepten verfasst, „für die Nachwelt“. Er kehrte zurück, aber in der Backstube des Sohnes liegt das Büchlein immer herum. Die Küche ist bisweilen chaotisch. Aber mit all seinem Chaos trifft Horst Richter doch immer wieder den ewigen Kindheitsgeschmack seiner Kunden, die dafür von weither wiederkehren: Ein Amerikaner etwa wegen des Mohnkuchens. Er backt Nusskuchen, Frankfurter Kranz, die Leipziger Lerche. Letztere ist ja vom Aussterben bedroht.

Er verschuldete sich für den Café-Umbau: bodentiefe Türen, ein Heidengeld. Zuhause ist dort, wo der Herd steht, heißt es. Horst Richters Ofen läuft auf Hochtouren und spuckt ständig die köstlichsten Torten aus, und so wird das Café ein Zuhause für viele: Zum zehnten Jubiläum 1987 singt Max Raabe, der sich gerade im zweiten Studienjahr befindet. Die Feste sind zahlreich, die Gäste illuster. Legendär die Straßenfeste mit Besuchern aus den umliegenden Kneipen und Galerien. Zu seinem sechzigsten Geburtstag baut Horst vor dem Laden einen Laufsteg auf, und Desirée Nick hat einen Auftritt, schließlich ist sie mit seinen Kuchen aufgewachsen. Britt Kanja ist sowieso Stammgast, die legendäre Nachtleben-Königin von Berlin, die das „90 Grad“ mitbegründet hat.

Dass Horst Richter öfter überfallen wird, liegt wohl auch an seinem Geschäftsgebaren. Wenn er am Abend den Laden schließt, eigentlich um acht, spätestens um neun, stopft er die Tageseinnahmen in eine Plastiktüte, besteigt sein Fahrrad und begibt sich ins Nachtleben. Wenn am nächsten Morgen vom Geld nichts übrig ist, mögen finstere Gestalten schuld sein und hin und wieder auch er selbst.

Seit 1993 trägt sein Freund Boris den Kaffee an die Tische. Boris ist zwar 28 Jahre jünger als Horst, aber er hat im Russland der Neunziger in der gleichen Situation gesteckt wie Horst in den Fünfzigern und Sechzigern. Eltern, die verdrängen, eine Gesellschaft, der Homosexuelle verdächtig sind. So wie Horst damals zum Luftholen in die Schweiz gegangen war, ist Boris nach Deutschland gekommen und gibt sein Germanistikstudium auf.

Horst Richter hinter seiner Kuchentheke Foto: privat
Horst Richter hinter seiner KuchenthekeFoto: privat

Horst schneidet trotz Beschwerden der Kunden von den Kuchen kleine Stücke ab, denn er weiß: Die Lust bleibt nur, wenn man sich nicht überfrisst. Und er legt sich ins Zeug, wenn Bekannte Torten brauchen. Er backt eine in Form eines Polizeiautos, seine Schwänze aus Marzipan begeistern.

Klar, dass es so nicht bleiben kann. Berlin verändert sich. Die Szene wandert. Natürlich steigt auch in der Giesebrechtstraße die Miete. Angefangen hatte sie bei 1800 Mark. Tausende Torten später sind es schon mehrere tausend Euro. Das muss einer erst einmal hereinbacken.

Einmal getraut Horst sich einen größeren Sprung: Eine Kneipe am Lehniner Platz, die „Bühne“, scheint ihm eine gute Investition zu sein. Aber er hat kein Talent fürs Investieren. Und viel zu wenig Zeit. Er ist ja kein Zampano, der gut organisieren kann. Also zieht man ihn über den Tisch. Er selbst hilft Freunden großzügig, wenn er kann. Aber auch launisch ist er und manchmal regelrecht zickig. Wer mit einem sinnlosen Geschenk in der Küchentür steht, wird hinauskomplimentiert. In seine Wohnung hängt er sich Kunst, die er mag. Was macht es, wenn den Maler kein Mensch kennt? Er lässt Boris und sich nach einem Foto porträtieren, ein mal drei Meter groß. Was ihm gefällt, muss niemand anderem gefallen.

Die Sahnehauben im Leben der anderen

Die Geschwister sind Ingenieur, Ärztin, Beamter geworden. Und er schillert bunt. Ja, er backt auch mal die Torten für Geburtstage in der Verwandtschaft, aber selbstverständlich erwarten darf das von ihm niemand. Den achtzigsten Geburtstag der großen Schwester richtet er in seinem Café aus, engagiert aus dem Bekanntenkreis zwei Opernsängerinnen. Er ist zuständig für die Sahnehauben im Leben der anderen.

Aber ist es einem Menschen möglich, sein eigenes Wohnzimmer zu Lebzeiten zu schließen? Horst Richter hat es oft überlegt, das Backen fällt ihm schwerer, aber erst 2011, da ist er schon 71, streicht er die Segel. Er zieht nach Friedenau aus dem vierten Stock ins Hochparterre, einen Birkenstamm auf dem Balkon. Die Porzellanvögelchen aus dem Café landen auf seinen Regalen. Er drapiert einen Kokon mit Stilmöbeln, Teppichen und goldenen Platzdeckchen auf drei Zimmern. Doch er sieht sich gar nicht lange an, wie seine üppigen Kristall-Lüster bei jedem Schritt der Nachbarn über ihm erzittern. Er muss unter Leute. Bücher, die man ihm schenkt, bleiben unausgepackt. Er liest ja nicht. Er erlebt lieber live. Er ist immer unterwegs, bis er als kranker Mann nicht mehr kann.

Offener als Horst Richter kann man kaum leben. Aber seine große Schwester sieht nach seinem Tod zum ersten Mal die schwarz-weißen Verkleidungsfotos aus den Sechzigern und die buntschrillen Perücken-Bilder aus den Achtzigern. Wer hätte gedacht, dass der Horst es so bunt getrieben hat?

Der Text erschien zuerst auf der Seite "Nachrufe"-Seite des Tagesspiegels

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