Nachruf auf Stephan Bünger, geb. 1965 : Das sokratische Schlendern

Er setzte sich für Unterprivilegierte ein, für Menschen, die anders als andere sind. Diskutierte und argumentierte hartnäckig bis eine Erkenntnis gereift war. Gern ging er tanzen und auf Reisen - nur eine eigene Familie, die hat im gefehlt.

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Der Sankt-Elisabeth-Friedhof in der Ackerstraße in Berlin Mitte.
Der Sankt-Elisabeth-Friedhof in der Ackerstraße in Berlin Mitte.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Alles ist erledigt. Die neue Wohnung mit Turm und Terrasse besichtigt; der Vertrag für den neuen Job als Quartiersmanager in Altglienicke unterschrieben; die Reise nach Barcelona für den Januar gebucht; die Nachricht an die Freunde verschickt: „Bitte vormerken. Am 21. November gehen wir ins Schwuz. Absage unmöglich“.

2015 wird gut enden. Es gab eine Menge Arbeit, aber das war in den Jahren davor ja auch nicht anders, die Leitung eines Familienbegegnungszentrums, die Funktion als Bürgerdeputierter der SPD im Jugendhilfeausschuss, die Moderation vom Runden Tisch, alles zwar in Treptow-Köpenick und nicht in Schöneberg, wo er lebt und auch schon aufwuchs, aber mit dem Fahrrad geht es schneller, als viele sich das vorstellen.

Außerdem hat er Freunde dort, die mit ihm im März, zu seinem Fünfzigsten, in Lissabon waren. Ja, 2015 endet gut, nur noch Weihnachten muss überstanden werden, eine heikle Zeit, in der alle anderen mit ihren Familien zusammensitzen. Vielleicht geht er in die Sauna, das macht er oft. Wenn die anderen erschöpft rauswollen, ruft er: „Na, einen Durchgang können wir doch noch.“ Er könnte sich auch Konzertkarten besorgen fürs Weihnachtsoratorium.

Portwein in Lissabon

Er könnte aber auch mal nicht durch die Gegend rennen, sondern einfach einen Wein trinken und etwas Gutes essen und an das alte Jahr denken. Der Portwein in Lissabon. Und dieser Kristallladen voll funkelnder Karaffen und Gläser. Ein solches Set musste er haben, Preis hin oder her. Was ein Freund ihm auszureden versuchte. Eine lange Diskussion entstand: Zu teuer, Touristenfalle auf der einen Seite; Schönheit, Handlichkeit, praktischer Nutzen auf der anderen.

Diskutieren, wie er das mag, Argumente entfalten, immer tiefer in das Thema dringen. Manche Leute ermüdet das, sie wissen manchmal gar nicht mehr, welcher Meinung er nun eigentlich ist. Aber er ist überzeugt von diesem sokratischen Schlendern, ein Einwurf hier, eine bloßlegende Frage da, nur auf diese Weise kommen Erkenntnis und Handeln weiter.

Was entscheidend ist in seiner Arbeit. Diese schlecht vorbereiteten Funktionäre manchmal, die Ignoranz, die Vorurteile. Es geht um Menschen, Kinder, die Schutz brauchen, Familien, denen man helfen muss, Ein-Euro-Jobber, die kaum über die Runden kommen. Dieser Blick herab auf Unterprivilegierte, auf Menschen, die anders als andere sind: infam, gewissenlos. Da nimmt er es gern in Kauf, dass manche Leute stöhnen: „Ach, der Bünger immer.“

Er hat es zu etwas gebracht, die Eltern wären sicher stolz

Noch nie, nicht zu Hause, nicht als Klassensprecher, hat er Probleme totgeschwiegen. Wenn er an seine Eltern denkt: Die wünschten sich, er solle Lehrer werden, aber er hatte seine eigenen Vorstellungen. Er studierte Sozialpädagogik und ließ sich zum Kinder- und Jugendpsychotherapeuten ausbilden. Sie würden sich freuen, seine Eltern, wenn sie ihn heute sähen, bestimmt, er hat es zu etwas gebracht, er hat Freunde. Nur die Sache mit der Familie, die ihm fehlt, stimmte sie vielleicht ein bisschen traurig.

Lachen hilft meistens und reisen und tanzen

Wie wird es sein, im Alter? Wenn er die Einsamkeit schon jetzt kaum aushalten kann. Manchmal spricht er darüber mit den anderen schwulen Freunden. Lachen hilft meistens und reisen und tanzen und sich fremden Problemen zuwenden. Sich von der eigenen Furcht abwenden. Diesen Teil seines Wesens sorgsam verschließen. Gerade jetzt, da es draußen immer dunkler wird. Aber die paar Tage, die wird er schon schaffen.

Er schafft sie nicht. Am 16. November nimmt sich Stephan Bünger das Leben, am 17. November finden ihn seine Freunde. Sie sind ratlos. Sie wollten sich doch sehen, in einer Woche.

Sie treffen sich nun ohne Stephan. Und die Fragen bleiben. Und ihre Trauer, grenzenlos.

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