Outing von Monsignore Krzysztof Charamsa : Eine Edward-Snowden-Eruption für die katholische Kirche

Das Outing des schwulen Vatikan-Funktionärs Krzysztof Charamsa zeigt: Er ist ein guter Christ und darüber hinaus ein guter Mensch. Ein Gastkommentar.

Alexander Görlach
Priester Krzysztof Charamsa und sein Lebensgefährte in Rom.
Priester Krzysztof Charamsa und sein Lebensgefährte in Rom.Foto: AFP

Das ist die Edward-Snowden-Eruption für die katholische Kirche. Ein Priester, der im Herzen des Apparats, der Glaubenskongregation, arbeitet, schwul ist und seit Jahren mit einem Partner zusammen lebt. Das ist das Maximum an dem, was nicht sein kann, weil es nicht sein darf. In den Beginn der Familiensynode im Vatikan, die sich auch mir der kirchlichen Haltung zur Homosexualität befassen soll, ist das Outing von Monsignore Krzysztof Charamsa deshalb geplatzt wie eine Bombe.

Zudem ringt der Vatikan noch um die Deutung des US-Besuchs von Papst Franziskus, der in der Päpstlichen Nuntiatur in Washington sowohl ein schwules Paar getroffen hatte als auch der Homo-Ehe-Gegnerin Kim Davis begegnet war. Nun ist eine Situation eingetreten, in der der Heilige Stuhl gezwungen ist, durch konkrete Maßnahmen eindeutig Stellung zu beziehen. Diese ist umgehend erfolgt: der Monsignore wird nicht mehr in der Glaubenskongregation arbeiten und nicht mehr seine Lehraufträge, unter anderem an einer päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, wahrnehmen können.

Musste Monsignore Charamsa daraus ein öffentliches Ereignis machen?

Liberale Geister in der Kirche mögen diese Schritte damit rechtfertigend begründen, dass ein Priester gar keine Beziehung eingehen dürfe, sei sie nun hetero- oder homosexuell. Die konservative Lesart geht so weit, dass sie der Homosexualität an sich die Qualität abspricht, Beziehungen aufbauen und pflegen zu können. Der Skandal ist also nicht, dass ein Priester homosexuell ist, sondern, dass er anscheinend in einer Partnerschaft mit einem anderen Mann emotionalen Halt, Geborgenheit und eine solche verbindliche Sicherheit spürt, dass er bereit ist, die Kirche für die Liebe seines Lebens zu verlassen.

Musste Monsignore Charamsa daraus ein öffentliches Ereignis machen? "Der Augenblick ist gekommen, dass die Kirche die Augen gegenüber schwulen Gläubigen öffnet und begreift, dass die Lösung, die sie vorschlagen, die völlige Abstinenz vom Liebesleben, unmenschlich ist", sagte der Geistliche als Begründung für seinen Schritt und zu dem gewählten Zeitpunkt. Es geht ihm nicht nur um sich selbst, sondern um das große Ganze. Für die katholische Kirche ist die bloße Existenz der Homosexualität ein Angriff auf ihre Vorstellung vom Naturrecht, aber darüber hinaus ist die gleichgeschlechtliche Liebe eine tägliche Anfrage, die Männerbünde, seien sie ein Fußballverein oder eine Burschenschaft, an sich selber stellen. Es ist eine Identitätsfrage für die Institution selbst.

Vor einigen Jahren, am Abend des Pontifikats von Benedikt XVI., machte das Gerücht die Runde, ein Schwulen-Netzwerk dominiere den Vatikan, man schöbe sich dort die Posten gegenseitig zu. Um diese Behauptung war es mit dem neuen Pontifikat still geworden. Das Thema ist aber eines der heißesten im Vatikan, eben aufgrund der Bedeutung, die es für den Zusammenhalt innerhalb der Organisation und ihren Fortbestand hat. 

Dissidententum gibt es nicht zum Nulltarif

Die Entscheidung, nun an die Öffentlichkeit zu treten, war eine Gewissensentscheidung von Krzystof Charamsa so wie es Edward Snowden für sich in Anspruch nimmt. Beide müssen mit den Konsequenzen ihres Tuns leben, denn bei beiden liegt der Keim des Verrats in ihrem Tun, denn jede Institution lebt davon, sich auf die Loyalität ihrer Glieder verlassen zu können. Wer sich außerhalb der Gruppe stellt, der muss mit den Konsequenzen leben. Dafür wird man von den einen gehasst und den anderen geliebt. Aber darum geht es nicht: Wenn die Kameras und die Diktiergeräte ausgeschaltet sind, dann ist man mit sich und der Stimme des Gewissens, die in der katholischen Lehre oberste Priorität genießt, alleine. Das ist der Moment, der zählt. Vor dem Gewissen muss die eigene Entscheidung Bestand haben.

Sieht man sich mit dem Anruf des Gewissens konfrontiert, steht man schon mit einem Bein im Dissidententum. Und das gibt es nicht zum Nulltarif. Die christlichen Märtyrer, deren Blut einst die Stadien der Arenen Roms zur Belustigung der heidnischen Massen tränkte, geben davon Zeugnis. Auch Petrus, der erste Papst, erlitt für seine Gewissensentscheidung das Martyrium. Papst Franziskus hat am Rande seiner USA-Reise betont, dass die Gewissensfreiheit ein Menschenrecht sei. Niemand dürfe dieses Menschenrecht einschränken. Der Dissident Krzysztof Charamsa ist also ein guter Christ und darüber hinaus ein guter Mensch.

Alexander Görlach ist der Herausgeber und Chefredakteur des Debatten-Magazins The European. Er ist promovierter katholischer Theologe.

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