Premiere am Gorki: "Die juristische Unschärfe einer Ehe" : Alle Vögel fliegen tief

Erst ein bisschen Boulevard, dann die rohe Verzweiflung: Nurkan Erpulat macht Olga Grjasnowas Roman „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ passend für die Bühne des Maxim Gorki Theaters.

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Schweben und stürzen. Die Schauspieler Mehmet Aresci, Taner Sahintürk, Lea Draeger und Mareike Beykirch (von links). Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Schweben und stürzen. Die Schauspieler Mehmet Aresci, Taner Sahintürk, Lea Draeger und Mareike Beykirch (von links).Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Die wesentlichen Requisiten, feinsäuberlich am Bühnenrand abgelegt, brauchen kaum mehr als einen Quadratmeter Platz. Als da sind: 1 blonde Perücke, 1 Lippenstift, 2 Zigaretten und dazu 1 Feuerzeug im Glas, 1 Halskette, 1 Paar knallrote High Heels, so rot, als seien sie gerade aus einem Farbeimer gezogen worden, und 1 Dutzend Wasserflaschen. Das deutet auf Party, auf Verwandlungslust, auf einen hübsch feierabendlich gestimmten theatralen Ausnahmezustand – aber wozu so viel Wasser für nur vier Schauspieler? Wollen sie sich etwa neckisch nassspritzen mit dem Chillmaterial, falls die Party zu heiß werden sollte?

Ziemlich spät – da ist das Lustige, die Nummernrevue, längst einer immer beklemmenderen Szenerie roher Verzweiflung gewichen – kommen die Wasserflaschen zum Einsatz. Während Leyla monologisch von ihrem Aufenthalt in Baku inklusive kurzer Folterhaft berichtet, stürzen ihre drei Retter und Gefährten das Wasser in sich hinein, affenzahnrasend gluckert es in die Kehlen, eine Flasche und noch eine und noch eine, bis die Mägen zu platzen drohen. Sie spielen das, sie leben das, gefühlt minutenlang, dieses seltsam autogene Waterboarding, und es tut weh und immer weher.

Wie im Stroboskopblitz scheinen die Szenen auf

Zu dem Zeitpunkt ist längst klar, dass es hier, bei aller oberflächlichen Texttreue, nicht um eine möglichst lineare Umsetzung von Olga Grjasnowas Roman „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ auf die Bühne geht. Vielmehr benutzt das Gorki-Quartett die bereits wilde Vorlage der in Aserbaidschan geborenen jungen Schriftstellerin – ihr Erstling „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ wurde bereits erfolgreich am Gorki dramatisiert –, um die wie im Stroboskopblitz ihrer Erfinderin aufscheinenden Szenen vollends zu dekonstruieren. Und wo das Buch der Wahlberlinerin sich, nach Sex-Eskapaden und wortwütigen Zimmerschlachten, in ein verblüffend mattes Happy End rettet, bleibt in Nurkan Erpulats Inszenierung Raum für Harmonie ausschließlich in der Form des Traums. Unscharf ist hier allenfalls, und zwar komplett unjuristisch, die Kontur einer Ehe. Der Rest sind Schärfe und Scherben.

Leyla (Lea Draeger) und Altay (Taner Sahintürk) sind verheiratet, aber nur ihren Herkunftsfamilien in Baku zuliebe: Die Tänzerin, die es bis zum Corps de Ballet im Bolschoi gebracht hat, ist lesbisch, und der Klinikarzt in der Psychiatrie ist schwul. Aus dem auch sexuell repressiven Moskau flüchten die beiden sich nach Berlin, wo sie die amerikanische Jüdin Jonoun (Mareike Beykirch) kennenlernen. Die jobbt gerade in einer Bar, hat noch nie mit einer Frau geschlafen, verfällt Leyla und zieht bei ihr und Altay ein. Weil das Ehepaar sich aber auch heftig liebt, irgendwie jedenfalls, fliegt die scheinbar solide erotische Konstellation bald auseinander.

Verführerischer Transmensch in Netzstrumpfhose

Nur in einem Augenblick lockert sich diese grimmig wohngemeinschaftliche Familienaufstellung in Richtung postbourgeoiser Boulevard. Da rauscht ein verführerischer Transmensch in Netzstrumpfhose (brillant in mehreren Ergänzungsrollen: Mehmet Atesci) in die Wohnung und macht die LGBT-Welt komplett. Lesbian, gay, bisexual, transgender: Richtig glücklich ist hier nur Nummer Vier. Stress hat er/sie allenfalls noch mit dem grammatischen Geschlecht, ansonsten sind in ihm/ihr bereits physisch alle sexuellen Widersprüche aufgehoben. Klar, eine Illusion auch das. Die anderen aber kämpfen umso energischer mit Besitzanspruch, Eifersucht, Bindungssehnsucht, Einsamkeit in der Zwei- oder Mehrsamkeit – ganz so wie die Bewohner der bösen alten Heterohölle.

Stark ist die Aufführung überall dort, wo sie sich wie unter Drogen der Vorlage erinnert, die selber angesichts mancher Hochdosierung in Sachen Biografiedetails ächzt und auch sonst reichlich halluzinogen zwischen Zeiten und Räumen springt. Dann stürzen präzis dahingetänzelte Szenen mühelos ins herzzerreißende Drama, etwa wenn Jonoun Leyla bekennt, sie habe übrigens gerade mit einem Mann geschlafen. Oder wenn Leyla und Altay auf der Drehbühne hilflos zwischen dem Gestänge eines glühlampengeschmückten Karussells namens „JOY“ herumtaumeln, als hätten Horváths Kasimir und Karoline sich ins 21. Jahrhundert verlaufen. Solche Momente zauberisch generierten Mitfühlens erwischen einen schön hinterrücks. Ballett oder Berghain, anything goes. Und zugleich geht zwischen den manisch-panischen Einzelwesen gar nichts mehr.goes. Und zugleich geht zwischen den manisch-panischen Einzelwesen gar nichts mehr.

Wenn Melancholie ein zertanztes Wochenende erdet

Schon möglich, dass sich das junge Publikum, das Shermin Langhoff nun in ihre dritte Gorki-Spielzeit mitnimmt, in diesem Lebensgefühl wiederfindet - ziemlich in der Mitte zwischen W. H. Audens „Funeral Blues“ und Lana del Reys „Shades of Cool“, die hier angesungen werden und deren Melancholie auch ein ekstatisch zertanztes Wochenende augenblicklich erden kann. Davor aber haben die Bühnenleute ihre zeitgemäß scheppernde Dekonstruktionsmechanik gestellt. Mikros, in die epische Romanpassagen hineingeleiert werden, Kameras, die die Schauspieler als ihre eigenen Subjekt-Objekte zwecks Videoprojektion bedienen: Technik eben.

In dem Maß aber, wie die längliche Exposition sich erledigt auf der Reise von Berlin nach Baku, in Leylas und Altays längst verlorene Heimat, findet der Abend in seine faszinierend stille Mitte. Die Schauspieler spielen sich die Seele aus dem Leib und den Leib aus der Seele, bis sie aus erotischer Erdenschwere in paradiesische Körperlosigkeit zu entschweben scheinen. Olga Grjasnowas Roman findet dafür eine schöne Doppelmetapher: In Berlin fallen die Spatzen massenhaft vom Himmel, doch in Baku lockt die persische Fabel vom Vogel Simurgh, dem Symbol aller Formen der Liebe, tauglich mithin für L, G, B, T und sogar das große Hetero-H. Auf dem Theater wird nur die Fabel beim Namen genannt, allerdings als Chimäre. Das Unglücksversprechen ist längst eingelöst.

Weitere Aufführungen am 29. Oktober sowie am 3. und 5. November,

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