Queer weiß das (39) : Darf man fragen, ob jemand lesbisch oder schwul ist?

Unsere Kolumne Heteros fragen, Homos antworten: Dieses Mal geht es darum, ob und wie man sich nach Homosexualität erkundigen sollte.

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Offensichtlich homosexuell. Was aber tun, wenn man sich bei einer Person nicht sicher ist?
Offensichtlich homosexuell. Was aber tun, wenn man sich bei einer Person nicht sicher ist?Foto: dpa

Darf man eigentlich jemanden fragen, ob sie oder er lesbisch oder schwul ist? Oder ist das taktlos? - Antje, Wilmersdorf

Die Frage erinnert mich an ein Gespräch mit einer Bekannten. Sie erzählte, dass sie mit einer Freundin zusammenzieht, „meine Freundin“, wie sie sagte. Ich hielt das für einen guten Moment, um nachzuhaken, ob mit der Freundin tatsächlich ihre Lebenspartnerin gemeint ist. Sie reagierte verstört, nachgerade geschockt: Wie ich darauf komme, dass sie lesbisch sei?!

Hätte ich besser nicht gefragt? Sicher sollte man nicht Wildfremde löchern, wie ihre sexuelle Orientierung ist. Grundsätzlich fährt man ja auch immer gut mit der Strategie, anderen nur die Fragen zu stellen, die man selber beantworten würde.

Kennt man sich aber besser, ist die Frage überhaupt nicht taktlos. Genauso wenig wie Homosexualität heutzutage ein Tabu ist, genauso wenig sollte es ein Tabu sein, sich danach zu erkundigen. Das Problem lag in dem Fall an der Einstellung meiner Bekannten. Hätte sie entsetzt reagiert, wenn ich mich nach ihrem Freund erkundigt hätte? Wohl kaum. Sie signalisierte vielmehr, dass es sie stört, für lesbisch gehalten zu werden.

Fragwürdig: "Total peinlich, er könnte denken, er sei tuntig"

Hetero-Männer scheinen ähnliche Ängste umzutreiben, wenn man Onlineforen trauen darf, in denen die Frage des Fragens diskutiert wird. „Total peinlich, der Gefragte könnte denken, er sei tuntig“, ist etwa zu lesen. Mit der Akzeptanz von Homosexualität ist es da nicht weit her.

Und wie ist es nun bei uns Homos? Wir müssen immer wieder überlegen, wann und wie wir unser Lesbisch- oder Schwulsein erwähnen, wenn wir etwa den Job wechseln oder neue Freunde kennenlernen. Insofern gibt es immer wieder Coming-Out-Situationen. Dafür legt man sich im Laufe der Zeit Gesprächsstrategien zurecht, weiß, wie viel man von sich preisgeben will. Also dürften Lesben und Schwule auf diese Frage in der Regel vorbereitet sein. Einige sind offen, andere weniger. Weicht jemand aus, sollte man das selbstverständlich respektieren.

Man wird selten direkt auf die sexuelle Orientierung angesprochen

Meiner Erfahrung nach wird man allerdings selten direkt auf die sexuelle Orientierung angesprochen. Viel einfacher ist ist es ohnehin, wenn man in Gesprächen die Gelegenheit bekommt, das Thema selber anzuschneiden. Das ist umso leichter, wenn andere nicht automatisch davon ausgehen, dass in einer Runde alle heterosexuell sind. Wer etwa lesbische und schwule Freund*innen erwähnt, signalisiert seine Akzeptanz gegenüber unterschiedlichen Identitäten.

Ach ja, falls Sie selber mal gefragt werden, ob Sie homosexuell sind: „Nein, aber ich freue mich, dass du mich für offen hältst.“ Das wäre eine souveräne, charmante Antwort.

Folge 38: Was finden Schwule an Sängerinnen wie Marianne Rosenberg?

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Folge 36: Verliebt ihr euch manchmal in Heteros?

Folge 35: Nehmen Homosexuelle häufiger Drogen?

Folge 34: Was bedeutet Trumps Sieg für queere Menschen?

Folge 33: Gibt es bei Euch Party-Heterosexualität?

Folge 32: Wann habt ihr eure Homosexualität bemerkt?

Folge 31: Hat Berlin etwa keine Lesbenbar?

Folge 30: Wie ist es, als schwuler Flüchtling hierher zu kommen?

Dieser Text erschien zunächst in der gedruckten Sonnabendsbeilage Mehr Berlin.

Haben Sie auch eine Frage an die Tagesspiegel-Homos? Dann schreiben Sie an: queer@tagesspiegel.de!

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