Regisseur Sean Baker über "Tangerine L.A." : Der Außenseiter und die Transfrauen von Hollywood

Die Heldinnen von Sean Bakers Komödie "Tangerine L.A." sind zwei Transfrauen. Im Interview spricht der Regisseur über seine Hauptdarstellerinnen, das Drehen mit dem Smartphone und die Farben der Stadt.

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Der US-amerikanische Filmregisseur Sean Baker, 45. Foto: Kool Film
Der US-amerikanische Filmregisseur Sean Baker, 45.Foto: Kool Film

Warum haben Sie den Film „Tangerine“, also Manderine, genannt?

Das ist nicht wörtlich gemeint, sondern bezieht sich eher auf das Gefühl und die Farbe der Frucht. Orange ist ja die dominante Farbe des „Films“. Als wir im Team über diesen Titel sprachen, hatten alle ihre eigene Interpretation, und alle mochten ihn.

Wie kamen Sie als heterosexueller, weißer Mann auf die Idee, einen Film über schwarze Trans-Prostituierte zu drehen?

Ich lebe eine halbe Meile entfernt von der Kreuzung aus „Tangerine L. A.“, bei der ich mich immer gewundert habe, dass sie zuvor noch nie im Film oder Fernsehen zu sehen war. Das Projekt begann als Erforschung dieser Ecke, die schon lange eine Art inoffizieller Rotlicht-Bezirk ist. Als Filmemacher hat mich die Gegend angezogen, weil ich wusste, dass dort Geschichten zu finden sind.

Wie haben Sie Zugang zu dieser Welt bekommen?

Mein Co-Drehbuchschreiber Chris Bergoch und ich suchten nach Mitstreiter/innen. Unsere spätere Hauptdarstellerin Mya Taylor, die wir im LBGT-Zentrum kennen lernten, war als erste begeistert und hat uns viele Türen geöffnet. Sie stellte uns allen ihren Freunden vor, wir trafen uns regelmäßig in einem Fastfood-Rest und hörten zu. Chis machte Notizen. Es ging vor allem darum, Vertrauen aufzubauen und viel Zeit miteinander zu verbringen. Ich gab den Frauen DVDs meiner früheren Filme, etwa von „Starlet“, das sich auch um eine Sexarbeiterin dreht. So konnten sie sehen, welche Art von Film ich mache.

Mya Taylor (li.) als Alexandra und Kitana Kiki Rodriguez als Sin-Dee in "Tangerine L.A." Foto: Kool Film
Mya Taylor (li.) als Alexandra und Kitana Kiki Rodriguez als Sin-Dee in "Tangerine L.A."Foto: Kool Film

Wie haben Sie die Geschichte entwickelt?

Das hat sich ganz organisch ergeben, als wir Kitana Kiki Rodriguez kennen lernten. Danach war uns klar, dass wir eine Geschichte über zwei Frauen erzählen wollten. Kiki hat uns sogar zu unserem Haupthandlungsstrang inspiriert: Als ihr Freund sie einmal betrogen hat, heckte sie einen Plan aus, den sie nicht vollständig umsetzte. Das brachte uns auf eine gute Idee, wie wir unsere Figuren auf eine Reise schicken konnten. Wir schrieben einen zehnseitigen Entwurf und gaben ihn Mya und Kiki zum Lesen. Nach ihrer Zustimmung schrieben wir weiter und gaben ihnen dann immer die neuen Seiten.

Ihre beiden Hauptdarstellerinnen hatten keine Film-Erfahrung. War das nicht riskant?

Ich habe schon früher mit Neulingen gearbeitet. Mit Mya Taylor und Kitana Kiki Rodriguez habe ich vorab Workshops gemacht, wobei ich sofort merkte: Sie sind großartig und haben komödiantisches Talent. Ich hatte wirklich Glück.

Hatten Mya Taylor und Kitana Kiki Rodriguez damals Jobs?

Als wir sie trafen, waren sie beide arbeitslos, bekamen Sozialhilfe und schlugen sich so durch. Der Film gab ihnen immerhin Arbeit für etwa ein Jahr und ich hoffe, er macht die Industrie auf sie aufmerksam. Sie haben jetzt Manager, werden zu Auditions eingeladen. Mya hat schon zwei Kurzfilmrollen gespielt, aber sie wartet noch auf ein gut bezahltes Angebot.

Wie hat die Trans-Community von L.A. auf den Film reagiert?

Vorab waren die meisten skeptisch, vor allem diejenigen, die nicht in den Dreh involviert waren. Schließlich bin ich ein Außenseiter. Als die Leute den Film dann schließlich sahen, waren die Reaktionen positiv. Es half uns auch, dass sich einige Schlüsselfiguren wie Laverne Cox wohlwollend über "Tangerine L.A." äußerten.

Die Aufmerksamkeit für Transthemen ist derzeit so hoch wie nie zuvor. Es wirkt fast wie ein Trend. Das Problem mit Trends ist, dass sie vorübergehen. Sehen Sie hier eine Gefahr?

Nein, denn das ist ja kein Modephänomen. Hier geht es um die Anerkennung von Menschen, die vorher nicht bemerkt und nicht geschätzt wurden. Irgendwann wird vielleicht weniger darüber geredet werden, weil wir es nicht mehr müssen. Ein bestimmter Grad an Aufmerksamkeit ist jetzt da. Aber trotz allem ist die Zahl der ermordeten Transpersonen im letzten Jahr gestiegen. Es gibt immer noch erschreckend viele Hassverbrechen und Vorurteile.

In „Tangerine L.A.“ sind die Transfrauen stark, keine Opfer – bis zur letzten Szene, in der sie gedemütigt und ohne ihre Perücken zu sehen sind. Wie kam es zu dieser Einstellung?

Mir ging es vor allem um ihre Schwesternschaft. Alexandra und Sin-Dee sind füreinander die Familie an diesem Weihnachtsabend. Dass Alexandra ihre Perücke abnimmt, ist für sie fast so, wie sich in der Öffentlichkeit auszuziehen. Es zeigt ihre Verwundbarkeit in der Gesellschaft. Wir haben das nur einmal gedreht und das Set dabei auch abgesperrt, weil es eine so emotionale Angelegenheit war.

Es gibt noch einen zweiten Handlungsstrang rund um einen Kunden von Alexandra, ein armenischer Taxifahrer. Wie kam er in ihr Drehbuch?

Karren Karagulian, der diesen Razmik spielt, ist ein guter Freund von mir und ein unterschätzter Schauspieler. Ich habe schon fünf Mal mit ihm gearbeitet. Über ihn bekam die armenische Schauspiel-Szene Wind von unserem Projekt, weshalb wir einige wirklich tolle und bekannte Darsteller engagieren konnten. Sie spielen die Familienmitglieder von Razmik, der seine Gefühle für Transfrauen komplett verheimlichen muss. Denn in der armenische Community herrscht noch extremere Transphobie als im Rest der USA.

Weshalb haben Sie den Film komplett auf Smartphones gedreht?

Das war eine finanzielle Entscheidung. Ich hatte nur ein sehr schmales Budget. Außerdem werden die kleinen Independentfilme derzeit alle mit denselben Kameras gedreht und sehen alle gleich aus. Davon wollte ich mich ein bisschen absetzen. Obwohl es digital ist, hat es auf der Leinwand etwas von einem alten 16-Millimeter-Film.

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Wie hoch war denn ihr Budget?

100.000 Dollar. Und davon mussten auch die Musik, die Untertitelung und Anwälte bezahlt werden. Ich wollte die Leute schon während des Drehs bezahlen. Sie sollten wenigstens ihre Miete für ein paar Monate zahlen können. Also benutzten wir die Iphones. Wir hatten kleine Adapter, die man über die Linse steckt. Sie erzeugen diese anamorphotischen Bilder. Das Gute daran war, dass wir dadurch sehr unauffällig waren. Abgesehen von unserem Sound-Mann wies kaum etwas darauf hin, dass wir einen Film drehten.

In der Postproduktion haben Sie dann die Farben manipuliert.

Ja, ich hatte eigentlich vorgehabt, die Farben zu entsättigen. Doch dieser blasse Look, der häufig mit Realismus und Straßen-Ästhetik verbunden wird, passte einfach nicht zu meinen Hauptdarstellerinnen. Es fühlte sich falsch an. Als ich stattdessen in die entgegengesetzte Richtung ging, ploppten mir die Orangetöne entgegen. Es gab viel mehr Farbe in L.A., als ich dachte. Das passte viel besser zu der Welt, von der wir erzählten.

"Tangerine L.A." läuft in Berlin ab 7.7. im Babylon Kreuzberg, Filmtheater am Friedrichshain, Kant Kino, Moviemento und Xenon (alle OmU)

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