"Sarahs Gesetz" von Silvia Bovenschen : Geschichte einer Lebensliebe

Zwei Frauen mit Haltung: Die Autorin Silvia Bovenschen huldigt in ihrem Buch "Sarahs Gesetz" ihrer Lebensgefährtin Sarah Schumann.

Gabriele von Arnim
Unerkundbar füreinander: eine Definition von Liebe. Silvia Bovenschen (links) und Sarah Schumann.
Unerkundbar füreinander: eine Definition von Liebe. Silvia Bovenschen (links) und Sarah Schumann.Foto: S. Fischer Verlag

Schon vor Jahren hatte ein freundlicher Weggefährte Silvia Bovenschen gefragt, warum sie nicht ein Buch über ihre Freundin, die Malerin Sarah Schumann, schreiben wolle. Eine abwegige Idee, fand die Autorin. Kurz nach dem 80. Geburtstag der Freundin beschloss sie dann doch, von Sarah zu erzählen. Und von sich. Vom Zusammensein und Zusammenleben. Und siehe: Entstanden ist eine so starke wie zarte Erzählung einer liebenden Freundschaft zwischen unabhängigen und eigenständigen Frauen. „Ich gehöre zu Sarah“, schreibt Bovenschen, „aber wir sind kein ,Wir’.“

Unbedingte Nähe und feine Grenzen schließen einander nicht aus. Im Gegenteil. Sie sind wohl das Geheimnis der nun schon fast vierzig Jahre währenden Zusammengehörigkeit. Gesellige Einzelgänger, sagt Silvia Bovenschen, seien sie die längste Zeit gewesen. Bis zum gesundheitlichen Zusammenbruch der Autorin. Seither lebt sie bei der Freundin in Berlin: „So nahm Sarah mich auf. So kam meine schwerste Zeit (Krankheit). So kam meine glücklichste Zeit (Sarah).“

Schumann ist Malerin, Bovenschen macht sich schreibend einen Namen

Silvia Bovenschen, geboren 1946, war schon an Multipler Sklerose erkrankt, als sie und Sarah einander kennenlernten. Sie hat Sarah bald davon erzählt. „Ist in Ordnung“, sagte die in ihrer wortkargen Art. Es ist diese irritierende Mischung aus nüchterner Courage und leuchtender Weitherzigkeit, der man auch als Leser bald erliegt.

Am Anfang waren die Malerin und die Adorno-Schülerin einander fremd. Nichts habe sich gefügt, schreibt Bovenschen, überdies kamen sie aus unterschiedlichen Milieus. Sarah, das gepeinigte Kind einer kaltherzigen Mutter, das mit 15 das Haus verlässt und sich allein durchschlägt. Silvia, geliebt und behütet, bleibt ihren Eltern bis zu deren Tod eng verbunden.

Eins der bekanntesten Bücher von Bovenschen: "Älter werden"

Sarah Schumann, Jahrgang 1933, fast 13 Jahre älter als die Autorin, erinnert sich an Flucht, Krieg und Hunger. Silvia wächst auf mit klassischer Musik, Literatur und sonntäglichen Museumsbesuchen. Beide Frauen, die eine als Kind versehrt, die andere von Jugend auf krank, entwickeln eine aus unterschiedlichen Quellen gespeiste Kraft. Schumann wird eine anerkannte Malerin, Bovenschen berühmt mit Büchern über „Die imaginierte Weiblichkeit“ oder „Spielformen der Idiosynkrasie“. Ihre Notizen übers „Älter werden“ werden ein Bestseller. Selbst, als die Literaturwissenschaftlerin anfängt, Romane zu schreiben, bleibt sie erfolgreich.

Silvia Bovenschen in ihrer Wohnung Berlin Charlottenburg im Winter 2014, vor Sarah Schumanns Bild "Silvia" von 1977.
Silvia Bovenschen in ihrer Wohnung Berlin Charlottenburg im Winter 2014, vor Sarah Schumanns Bild "Silvia" von 1977.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Doch lesen wir hier keinen chronologischen Bericht. Das Erinnern fliegt mal in diese, mal in jene Richtung. In die Kindheit, zur Studentenrevolte, dem Feminismus, den gemeinsamen Reisen nach Italien, Sarahs Kunst und Silvias Universitätsleben. Wie nebenher lesen wir auch ein Stück bundesrepublikanische Geschichte. Jetzt, da Bovenschen schreiben will über sie, befragt sie ihre Freundin mehr als früher nach ihrem Leben. Und Sarah erzählt. Oft nur in kurzen Passagen und fernab von jedem Pathos. Manchmal steht sie auf und geht. Vielleicht, weil sie lieber opulent malt als opulent zu reden. Vielleicht, weil der Schmerz von damals noch heute wehtut. Dann schweigt auch die Fragende. Da gibt es kein Bohren, kein Aufspürenwollen von Geheimnissen, keine nachträgliche Eifersucht.

Bovenschen will die Freundin als "Erlebnis ihres Lebens" erstehen lassen

Nicht umsonst hat die Autorin diesem Buch eine Gedichtzeile von Ilse Aichinger vorangestellt: „Solange wir wissen, dass wir unerkundbar sind, ist Liebe.“ Dennoch entsteht fast ein Psychogramm von Schumann. Nichts daran allerdings ist unumstößlich. „Ich will nicht eine Wahrheit der Sarah Schumann ausstellen“, schreibt sie, „ich will einzig meine liebe Freundin als Erlebnis meines Lebens erstehen lassen.“ So werden Zärtlichkeit und Distanz, unscharfe Faktenlage und eine lichte Klarheit der Gefühle feinfädig und elegant miteinander verwoben.

Silvia Bovenschen ist eine Autorin mit dezidierten, oft zornigen Meinungen. Dann legt sie den Figuren ihrer Romane tosende Schmähungen über die Banalisierung der Zivilisation und den Verlust von Bürgersinn in den Mund. Eine „Tiradeuse“ hat Sarah Schumann sie getauft.

Das Buch hat einen zarten Grundton

Hier aber ist sie sanft. Nicht unentschieden, das keineswegs. Sie kann sehr direkt von Sarah und sich erzählen. Nur hat das Buch einen zarten Grundton, der summt von der Dankbarkeit für diese Lebensliebe. „Sarahs Gesetz“ heißt das Buch – das klingt streng, solange man Sarah noch nicht kennt. Beim Lesen begreift man Sarahs Gesetz als pragmatisches Lebensgerüst. „Sie erlässt keine Gesetze“, schreibt Bovenschen. „Sie IST das Gesetz.“ Und wenn es nur darum geht, dass sie kategorisch Untertassen im gemeinsamen Haushalt ablehnt, damit nicht noch mehr in die Spülmaschine einzuräumen sei.

Ihr Zusammenleben sei weicher geworden, schreibt Bovenschen. (Es gibt sogar zwei Untertassen.) Vermutlich bleibt wenig Kraft für Konflikte, weil es zu viele unentrinnbare Zumutungen gibt. Als sie anfängt, dieses Buch zu schreiben, hat sie einen harten Sommer hinter sich. Eigentlich sei sie ja immer krank gewesen. Aber jetzt sei sie sehr krank, sehr schwach und sehr dünn, „ein Skelett geradezu“. Doch diese schwache Person schreibt mit einer Wortkraft, einem blanken Witz, einer Sprachschönheit und einer so unwiderstehlichen Zärtlichkeit, dass man als Leser beglückt mitsummen möchte.

Zwei Frauen mit Haltung dürfen wir uns hier erlesen. Und das ist ein Geschenk aus einer fast vergangenen Welt hinein ins Heute, da eher alerte Geschmeidigkeit im Umgang mit Menschen und Meinungen üblich geworden ist. Ein Heute, von dem die Autorin sich fast melancholisch verabschiedet, weil sie in ihm keine Poesie und schon gar keinen „Trost für das Leiden der Kreatur zu sehen vermag.“

Silvia Bovenschen: Sarahs Gesetz. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2015. 256 Seiten, 19,99 €.

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