Schwules Museum : Wenn der Osten in den Westen schlüpft

Das Schwule Museum zeigt in „ğ – queere Formen migrieren“ Kunst aus der Türkei und Deutschland - von figürlicher Malerei über Foto- und Videoarbeiten bis hin zu Installationen.

Claudia Wahjudi
LGBT-Aktivistin. Fatma Souad auf einem Gemälde von Cihangir Gümüetürkmen.
LGBT-Aktivistin. Fatma Souad auf einem Gemälde von Cihangir Gümüetürkmen.Ulas und Koray Yilmaz-Günay

Das angespannte Verhältnis zwischen Ankara und Berlin spitzt sich von Tag zu Tag zu. Jetzt in Berlin Kunst zu zeigen, die in Istanbul nicht erwünscht ist, kann die Veranstalter in Bedrängnis bringen. Doch Kurator Aykan Safoğlu, der aus Istanbul stammt und zum Studieren nach Berlin kam, winkt ab: In der Türkei, sagt er, sei man derzeit auch wegen nichts in Gefahr.

Gemeinsam mit dem Teilzeit-Berliner Emre Busse hat Safoğlu im Schwulen Museum unter dem Titel „ğ – queere Formen migrieren“ ein kulturpolitisches Novum geschaffen: Das in Deutschland einzigartige Museum thematisiert erstmals zeitgenössische Kunst und Kultur ausschließlich zu Queerness in der deutsch-türkischen Migration. Das „weiche g“ haben sie als Motto gewählt, weil dieser Buchstabe in westlichen Alphabeten fehlt, aber in der Türkei eigens erfunden wurde, als während Atatürks Europäisierungsprogramm das Schrifttürkisch an das lateinische Alphabet angepasst wurde. Der Buchstabe sollte den im Osmanischen häufig vorkommenden arabischen Laut „Ghain“ wiedergeben. Für die beiden Kuratoren stellt er einen „östlichen Laut“ dar, „der in eine westliche Form“ geschlüpft sei.

Figürliche Malerei und zärtlicher Analverkehr

In nur einem einzigen Saal schaffen Busse und Safoğlu mit Beiträgen von 14 Künstlerinnen und Künstlern aus der Türkei und Deutschland einen breiten Überblick über das Thema. Da gibt es zum Beispiel klassisch figürliche Malerei: Taner Ceylan steuert ein Gemälde bei, das zwei Männer beim zärtlichen Analverkehr im Stehen abzubilden scheint, jedoch zweimal den Künstler zeigt, wie er die Beschimpfung „Fuck yourself“ wörtlich umsetzt. Aber auch Blätter, Hefte und Fotos des armenischen Schauspielers Masist Gül, der privat brillante Comics zeichnete und aus dessen Nachlass die Künstlerinnen Banu Cennetozlu und Philippine Hoegen einen Ausschnitt vorstellen.

Von eher lokaler Bedeutung ist das Porträt, das der Berliner Varietétänzer Cihangir Gümüştürkmen von Fatma Souad, der Mitbegründerin des Gayhane-Club im Kreuzberger SO 36, gemalt hat. Zu den Exponaten gehört auch ein Video der vielfachen Biennale-Teilnehmerin Ayşe Erkmen, das auf ihre bekannte Fassadenarbeit am Heinrichplatz Bezug nimmt: „Konversationen“ zeigt Wortendungen im Türkischen für Handlungen in der Vergangenheit, die der Sprechende nur gerüchteweise kennt. Und in einer Klangarbeit von Ming Wong ist zu hören, wie der Berliner Künstler aus Singapur Unterricht bei einer Istanbuler Gesangslehrerin nimmt, um auch das „weiche g“ so zu singen wie die populäre Sängerin Bülent Ersoy, die als Junge geboren wurde.

Öffnung für internationale Communities

So unterschiedlich Genres und Biografien der Beteiligten sind, so eint die Exponate der respektvolle Umgang mit dem Gegenüber – und damit eine wirkungsvolle Kritik von Hetero-Normativität und jedweden Normen, die für Ausschluss und Repression sorgen können. Dazu gehört auch die klischeehafte Vorstellung vom „ganzen Mann“. Eine Arbeit verdeutlicht das besonders poetisch. Mehtap Baydu hat Hemden von Männern, die ihr nahe, vielleicht zu nahe standen, in Streifen gerissen. Ein Video zeigt die nackte Künstlerin, wie sie aus der Baumwolle einen Kokon strickt, der sie schließlich umhüllt. Als was sich die Künstlerin einmal entpuppen wird, bleibt der Fantasie der Betrachtenden überlassen.

Mit „ğ“ tragen Emre Busse und Aykan Safoğlu nicht zuletzt zur deutschen Museumgeschichte bei. Safoğlu, seit Herbst 2016 Vorstandsmitglied im Schwulen Museum, will das Haus stärker für internationale Communities öffnen. Das haben sich auch die Direktoren großer Berliner Institutionen vorgenommen. Im Schwulen Museum können sie sich anschauen, wie es geht. Nicht zuletzt mit einem umfangreichen Begleitprogramm, bei dem am 19. März die bekannte Schriftstellerin und Regisseurin Emine Sevgi Özdamar („Das goldene Horn“) aus ihrem Roman „Seltsame Sterne starren zur Erde“ liest.

Schwules Museum, bis 29.5., Lützowstr. 73, So, Mo, Mi, Fr 14–18 Uhr, Sa 14–19 Uhr, Do bis 20 Uhr

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