Streit in der queeren Community : "Hass spaltet und macht uns alle nur schwach"

Ilona Bubeck ist Gründerin des Querverlages und war in den 70er Jahren in der linksradikalen feministischen Szene aktiv. Kürzlich sprach sie im SchwuZ über aktuelle Anfeindungen innerhalb der LGBTIQ-Community. Als Gastkommentar veröffentlichen wir ihre Rede.

Ilona Bubeck
Die LGBTIQ-Community dürfe sich nicht spalten lassen, so der Aufruf von Ilona Bubeck.
Die LGBTIQ-Community dürfe sich nicht spalten lassen, so der Aufruf von Ilona Bubeck.Foto: dpa/Mario Cruz

Als ich gefragt wude, ob ich an der Podiumsdiskussion "Gute Lesbe, böse Lesbe" teilnehmen möchte, dachte ich warum nicht. Schließlich war Ende der 70er Jahre mein Coming-out - das Beste was mir im Leben passiert war. Doch nun, nach tagelangen Diffamierungen und Hass auf Lesben auf der Facebook-Seite des SchwuZ, kann ich das nicht ignorieren. Es hat mich erst total gelähmt, verletzt und vor allem wütend gemacht. Ich versuche jetzt, keine Brandrede zu halten, sondern vielleicht eher den Brand zu löschen und Euch etwas aufzuzeigen. Ich will Euch kurz eine Geschichte erzählen, um zu zeigen, dass es anscheinend leichter ist, die Menschen in den eigenen Reihen fertig zu machen, anstatt den Feind außen zu bekämpfen, der wohl zu mächtig ist.

Todesdrohungen von radikalen Lesben

Ich bin als Nachkriegskind geboren, und da bei uns Zuhause Faschismus und Krieg ständig Thema war, wurde ich von klein auf ein politisch denkender und später auch handelnder Mensch und noch etwas später endlich auch lesbisch. Ich schloss mich einer links-radikalen Gruppierung an, in der auch viele Lesben aktiv waren, auch weil wir damals von Revolution und einer gerechten Welt träumten.

1984 wurde ich zehn Stunden von lesbischen Frauen dieser Gruppe nach psychologischen Folter- und Gehirnwäsche-Methoden verhört. Ich wurde isoliert, mein Telefon zerstört und mit dem Tod bedroht, wenn ich nicht sofort aus der Stadt verschwinde. Es gab nur eine Wahrheit in der Gruppe. Das heißt, andere Meinungen standen nicht zur Diskussion. Du warst entweder Freund oder Feind, und ich wurde zur Verräterin erklärt. Mein Verrat war, dass ich zu freundlich und offen zu Andersdenkenden war.

Eine Hierarchie der Opfer und Diskriminierten

Ich glaubte, wie heute immer noch, dass radikale linke feministische Politik nur erfolgreich sein kann, wenn wir bündnisfähig sind und dabei Kompromisse eingehen. Andere, denen das auch passiert ist, landeten in der Psychiatrie, eine Frau hat sich umgebracht. Ich habe dank Freundinnen überlebt und zurückgefunden in ein politisches Leben. Ein paar wenige hier wissen das. Ich wurde auch danach noch als Verräterin beschimpft, allerdings weniger brutal und existenziell. Zuerst weil ich Transfrauen, die sich lesbisch definierten, nicht ausschließen wollte aus Lesbenzusammenhängen, dann weil ich mit einem schwulen Freund und Kollegen den Querverlag gegründet habe, und schließlich weil ich hoffte, dass queer ein links-feministisches Bündnis sein könnte, in dem Lesben sich einbringen und wahrgenommen werden.

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Gudrun Fertig, Monika Herrmann, Felicia Mutterer, Suli Puschban, Tülin Duman und Manuela Kay auf dem "Dyke*Out"-Podium im SchwuZ.
Ilona Bubeck: "Hass macht uns schwach"

Warum erzähle ich das? Weil es unter queer wieder Mal eine Hierarchie der Opfer, der Diskriminierten, der Radikaleren und derer, die die Wahrheit für sich beanspruchen, zu geben scheint. Ich will niemand ihre/seine Verletzungen absprechen, aber das ist kein Grund und Anlass ihre Wut auf die Lesben und vielleicht auch Schwulen zu projizieren und sie abfällig "cis" zu nennen.

Denn das sind die Lesben und Schwule, die diese Projekte und Räume geschaffen haben, in denen wir alle sein können, die ihr in Anspruch nehmt. In denen wir alle politisch aktiv sein können und unser Rückzug sind und Berlin zu dem machen, warum so viele hier sind.

Ich will dafür keine Dankbarkeit, aber Respekt, denn Hass spaltet und macht uns alle nur schwach gegenüber eine Gesellschaft, die wieder konservativer und gefährlicher wird. Vielleicht sind einige zu jung, um die Zeichen der Zeit zu erkennen, denn das Gegenteil von Spaltung wäre notwendiger denn je. Lasst uns Unterschiede ansprechen, kritisch aber mit Respekt, und so dass wir daraus Stärke beziehen, und zwar alle.

Ich bin nicht bereit, mich Dogmen anzupasen

Ich bin auch heute nicht bereit, mich irgendwelchen queeren, linken oder sonst wie Dogmen anzupassen. Ich habe mich als lesbische Feministin in 40 Jahren nie angepasst und mein Lesbischsein auch nie verschwiegen. Ich habe es immer in einem politischen Kontext verstanden: feministisch, antirassistisch, links, um gegen jegliche Diskriminierung aufzustehen. Und erst wenn es keine Ausgrenzung, Diskriminierung und Ungleichheiten mehr gibt, erst dann können wir uns zur Ruhe setzen.

Das wird allerdings nie passieren. Wenn wir Lesben jetzt feststellen, dass wir bei LGBTIQ nur noch als Buchstabe vorkommen und ansonsten nicht sichtbar sind, dann ist das unsere ureigenste Verantwortung, denn niemand anderes wird sich für uns einsetzen. Auch das haben mir die letzten Tage wieder sehr schmerzhaft klar gemacht.

Wir müssen überall als Lesben präsent sein: unbequem, streitbar, respektvoll, unangepasst. Und zwar alle, die sich als Lesben definieren, ob Trans oder nicht, ist mir völlig egal. Wir sind keine Nische! Die bürgerliche Gesellschaft schenkt uns keinen Platz, wir müssen ihn schon selbst besetzen! Deshalb bin ich auch nach wie vor gerne eine Kampflesbe und genauso queer, denn ohne Euch alle bin ich nichts, und jede Ausgrenzung ist politischer und sozialer Mord. Wir haben nur eine Chance den Rollback aufzuhalten, gemeinsam! Und als Lesben sichtbar!

Am Sonntag, 2. Oktober, findet um 18.30 Uhr im Schwulen Museum* eine Abendveranstaltung zum Thema "Transphobia vs. Lesbophobia" statt.

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