Sven Ratzke im Tipi : Sternenstaub und surreale Trips

Entertainer Sven Ratzke singt David Bowie im Tipi am Kanzleramt. "Starman" ist eine witzige, schillernde Revue mit Trio-Begleitung.

von
Sven Ratzke in einem seiner "Starman"-Outfits.
Sven Ratzke in einem seiner "Starman"-Outfits.Foto: Hanneke Wetzer

Knallrote Haare und ein roter Blitz, der über das rechte Auge schießt. Sven Ratzke zitiert auf dem Plakat und dem Album zu seinem Programm „Starman“ David Bowies Aladdin-Sane-Look aus den Siebzigern. Das Orginalmotiv schmückte letztes Jahr zur Gropiusbau-Ausstellung monatelang die Stadt. Aber warum kommt der deutsch-niederländische Entertainer, der zuletzt in dem Musical „Hedwig And The Angry Inch“ zu sehen war, jetzt noch mal damit an?

Bei der Premiere im Tipi am Kanzleramt hat man bald die Antwort: weil er es kann! Und weil er mit seiner dreiköpfigen Band einen eigenen Zugriff auf das Material des britischen Pop-Genies gefunden hat, der respektvoll, aber nicht von Ehrfurcht gehemmt ist. Programmatisch schon die Entscheidung, ohne Gitarre aufzutreten und deren Parts von Pianist Charly Zastrau spielen zu lassen.

Nach der arg klischeehaften Glamrock-Eigenkomposition zur Eröffnung zeigt Ratzke, dessen Stimmlage der von Bowie ähnelt, ab dem folgenden „Rebel Rebel“, dass er die modernen Klassiker stilvoll und stimmig interpretieren kann. Selbst wenn er sich mal verhebt (etwa bei „Lady Grinning Soul“), überzeugt „Starman“ (wieder am 17./18.10.) als witzige, schillernde Revue.

Ein Trip in Liz Taylors Wachsfigurenkabinett

Diese hat zwischen den Songs kaum etwas mit Bowie zu tun, denn dann erzählt Ratzke surreale Anekdoten, die von einer Zeitreise- und Sternenstaub- Story nur fadenscheinig zusammengehalten werden. Was nicht stört, weil er diese versponnenen Geschichten übers Kartoffelschälen auf einem Ozeandampfer oder Liz Taylors Wachsfigurenkabinett mitreißend und voller kleiner Scherze mit dem Publikum präsentiert. Auch ein paar Seitenhiebe auf Kollegen und Kolleginnen wie Tim Fischer oder Georgette Dee baut Ratzke ein, der von Chanson über Varieté bis hin zu Jazz schon sehr unterschiedliche Programme auf die Bühne gestellt hat.

In seiner Wandlungsfähigkeit ähnelt er dem inzwischen 68-jährigen Bowie, der sich ja viel mit Rollen und Stilen experimentiert hat. Sven Ratzkes Kostüme und Plateaustiefel sind eine feine Reminiszenz daran. Anfangs trägt er einen schwarzen Riesenkragen, der seine roten, toupierten Haare schön kontrastiert. In der zweiten Hälfte, die mit einer blubberigen "Fame"-Version beginnt, ist es eine eng anliegende Kombination in Hellblau - mit lila Lametta an den Ärmel-Enden.

Sven Ratzkes "Heroes"-Version ist sehr würdevoll

Vor dem Finale imaginiert Sven Ratzke, geboren 1977, also während Bowies Berlin-Zeit, einen Backstage-Besuch im „Chez Romy Haag“. Es folgt „Heroes“, das er getragen gegen die schnelle Klavierbegleitung singt. Die rot geschminkten Augen geschlossen, steht er irgendwann wie eine lebende Freiheitsstatue am Mikro – so würdevoll, dass man Bowie ganz vergessen hat.

Dieser Text erscheint auf dem Queerspiegel, dem queeren Blog des Tagesspiegels, den Sie hier finden. Themenanregungen und Kritik gern im Kommentarbereich etwas weiter unten auf dieser Seite oder per Email an: queer@tagesspiegel.de. Twittern Sie mit unter dem Hashtag #Queerspiegel – zum Twitterfeed zum Queerspiegel geht es hier.


Autor

Queerspiegel - Der Tagesspiegel-Blog für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen und für alle, für die die Welt bunt wie ein Regenbogen ist.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben