Treffen in der Sehitlik-Moschee : Homosexuelle diskutieren mit Muslimen

Homosexuelle und Muslime haben sich am Dienstagabend zu einem Gedankenaustausch in der Berliner Sehitlik-Moschee getroffen. Beide Seiten haben viel gelernt.

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Homosexuelle und Muslime haben sich in der Berliner Sehitlik-Moschee getroffen.
Homosexuelle und Muslime haben sich in der Berliner Sehitlik-Moschee getroffen.Foto: dpa/picture-alliance

So kann Vertrauen entstehen: in kleiner Runde, ohne viel Tamtam, ohne Verbalattacken. So geschehen am Dienstagabend beim Treffen von Schwulen und Lesben mit Muslimen in der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm. „Das Gespräch ist super freundschaftlich verlaufen und auf Augenhöhe“, sagte einer der homosexuellen Gäste hinterher. „Ich habe viel dazu gelernt“, sagte Pinar Cetin von der Sehitlik-Moschee. Am Ende umarmten sich viele herzlich und bekräftigten, sich bald wieder zu sehen. Das allein ist schon eine Nachricht.

Denn das Treffen hatte einen langen Vorlauf. Homosexualität gilt im Islam als schwere Sünde und ist auch in deutschen Moscheen ein Tabuthema. Ein erster Anlauf für eine Begegnung scheiterte vergangenen Herbst. Die Sehitlik-Moschee sagte ab, nachdem ihr türkische Medien vorgeworfen hatten, sie wolle die Position des Islam zur Homosexualität verwässern. „Der Vorwurf war absurd“, sagte Pinar Cetin am Dienstag. „Selbst wenn wir das wollten, könnten wir das gar nicht. Verboten ist verboten.“

Jugendliche waren begeistert

Danach traf man sich im November erstmal auf neutralem Boden in der Jerusalemkirche in Kreuzberg. „Was ist denn schon normal?“, sang der bekennend schwule Sänger Donato Plögert in der Kirche. Die muslimischen Jugendlichen waren begeistert. „Das hat mich überrascht und total gefreut“, sagte Plögert am Dienstag. Am Dienstag brachte er Pinar Cetin eine rote Rose und ein weißes Löwenmäulchen mit – „extra in den türkischen Farben“, sagte Plögert lachend.

Initiator der Begegnungen ist der Verein „Leadership Berlin“ und der „Völklinger Kreis“, ein Netzwerk schwuler Führungskräfte mit bundesweit 750 Mitgliedern. „Meet to respect“ heißt ein Leadership-Programm, in dessen Rahmen Imame und Rabbiner gemeinsam Schulklassen besuchen und kürzlich auch auf Tandems durch Berlin radelten. „Wir wollen sowohl Homophobie als auch Islamophobie abbauen“, sagte Leadership-Geschäftsführer Bernhard Heider.

"Als Mensch habe man jeden anderen Menschen zu achten"

„Ein langsames Tempo und kleine Schritte sind dafür besser geeignet, als gleich mit der Regenbogen-Fahne einzumarschieren“, sagte Daniel Worat vom Völklinger Kreis. Das Treffen am Dienstag wollte man nicht an die große Glocke hängen, die Presse informierte man kurz vorher. Pinar Cetin führte die zwölf schwulen und lesbischen Besucher durch die Moschee. Danach ging es im Kulturhaus nebenan zur Sache. „Wenn schwule Männer ihre Sexualität leben, kommen sie dann nach islamischem Verständnis in die Hölle?“, wollte ein Gast wissen.

„Nach konservativem Verständnis ist das so“, sagte Moscheevorstand Ender Cetin, und, ja, auch sie hier in der Sehitlik-Moschee würden konservativ denken. Aber nur Gott könne über die Sünden urteilen. Als Mensch habe man jeden anderen Menschen zu achten und zu respektieren, sagte Cetin. Das versuche man auch den Jugendlichen zu vermitteln.

„Was wäre, wenn Eure Tochter sich als lesbisch outen würde?“

Mit Schwulen und Lesben befreundet sein? „Kein Problem“, war die einhellige Meinung. Auch ein Dutzend muslimische Studenten und Studentinnen nutzten die Chance, mal offen und direkt mit Homosexuellen zu sprechen. „In vielen muslimischen Familien mangelt es generell an sexueller Aufklärung“, sagte ein junger Mann, das sei ein großes Problem.

„Was wäre, wenn Eure Tochter sich als lesbisch outen würde?“, richtete sich eine Frage an Pinar und Ender Cetin. „Ich wäre schockiert“, gab Ender Cetin zu. „Aber wir würden natürlich zu ihr stehen. Sie ist ja unsere Tochter.“ Weitere Begegnungen sind geplant – auch in anderen Moscheen.

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