Vorurteile gegen Transgender : Anreden gegen Trans-Feindlichkeit

Eine neue US-Studie zu Trans-Feindlichkeit zeigt: Schon ein zehnminütiges Gespräch kann negative Haltungen dauerhaft ändern.

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Ein Trans-Chor aus Los Angeles feiert den Transgender Remembrance Day.
Ein Trans-Chor aus Los Angeles feiert den Transgender Remembrance Day.Foto: Imago

Sind Vorurteile unabänderlich? Nein! Schon ein zehnminütiges persönliches Gespräch kann einen Menschen dazu bewegen, seine Meinung dauerhaft zu ändern. Das ist das Ergebnis einer großen Studie von David Broockman, Professor für Politische Ökonomie in Stanford, und Joshua Kalla, Politik-Student in Berkeley, die jetzt im Forschungsmagazin „Science“ veröffentlicht wurde.

Die beiden Wissenschaftler werteten die Ergebnisse der Aktivisten vom Los Angeles LGBT Center und SAVE aus, Süd-Floridas größter und ältester LGBT-Organisation (LGBT steht für Lesbian, Gay, Bi und Trans). Im Sommer 2015 besuchten erfahrene Vertreter dieser Organisationen Haushalte in Miami und unterhielten sich mit über 13.000 Bewohnern jeweils zehn bis 15 Minuten lang. Dabei folgten sie einer Gesprächsstrategie, die das Los Angeles LGBT Center entwickelt hat („deep canvassing“): Die Teilnehmer wurden aufgefordert über Situationen zu sprechen, in denen sie selbst anders behandelt worden waren als die Mehrheit.

Die Forscher fragten mehrfach nach

Um den Effekt dieser Gespräche festzustellen, befragten Broockman und Kalla die Teilnehmer vor und mehrfach nach den Hausbesuchen durch die Aktivist_innen zu verschiedenen Themen, auch zu ihrer Einstellung zu Transgender-Menschen, nämlich im Abstand von zuerst drei Tagen, dann nach drei Wochen, sechs Wochen und drei Monaten. Einer von zehn Teilnehmern hatte demnach ihre/seine negative Haltung gegenüber Transgender-Menschen dauerhaft verändert. Demnach nahmen die Vorurteile gegen Transgender in der untersuchten Gruppe nach dem Gespräch mit den Aktivist_innen so stark ab wie in der gesamten US-amerikanischen Gesellschaft im Laufe eines Jahrzehnts die Vorurteile gegenüber Homosexuellen zurückgingen, erklären die Forscher.

Auch Nicht-Transgender erzielten gute Effekte

Dabei spielte es keine Rolle, ob die Befragten den Demokraten oder den Republikanern nahestanden, ob sie weiblich oder männlich waren und welcher ethnischen Gruppe sie angehörten. Die herkömmlichen Methoden, Leute über Telefonate, TV-Werbung oder mit anderen Gesprächsstrategien zu überzeugen, wurden durch das „deep canvassing“ in ihrer Wirkung deutlich übertroffen.

Die Hypothese, wonach ein Gespräch mit einem Mitglied einer stigmatisierten Gruppe am meisten gegen Vorurteile ausrichten kann, widerlegt die Studie. Es hatte keinen größeren Effekt, ob die Aktivisten an der Wohnungstür selbst Transgender waren oder nicht. Eine kleine Minderheit kann sich beim Werben um gesellschaftliche Anerkennung also getrost von Angehörigen der Mehrheit unterstützen lassen. Erfahrung scheint aber ein wichtiges Kriterium zu sein.

"Den Ansatz überall im Land verfolgen"

Die Aktivist_innen zeigten sich von der Studie angetan: „Der praktische Wert ist, dass wir jetzt  wissen, dass wir negative Vorurteile gegen Transgender in Miami tatsächlich verringern“, erklärte Justin Klecha, Direktor_in der Kampagne von SAVE. Lorri Jean, Geschäftsführer_in vom Los Angeles LGBT-Center sagte: „Es ist toll, diesen neuen starken Ansatz nun mit LGBT-Aktivist_innen und ihren progressiven Verbündeten überall im Land verfolgen zu können.“

Der Politik-Ökonom Broockman verweist auf die Möglichkeit, die Ergebnisse im US-Wahlkampf einzusetzen: „Es sieht so aus, als könnte der Wahlkampf erfolgreicher sein, wenn man mehr persönliche Gespräche mit Wählern führt, als wenn man nur den Äther oder Mailboxen flutet.“

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