Quereinsteiger an Berliner Schulen : Vom Labor ins Lehrerzimmer

Der Mangel an Pädagogen ist in Berlin mittlerweile so groß, dass in fast allen Fächern auch Seiteneinsteiger gesucht werden. Vier Bewerber erzählen, warum sie vor einer Klasse stehen möchten – und womit sie bisher ihr Geld verdient haben.

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Ein Klassenzimmer Foto: dpa
Noch Plätze frei. In Berlin werden Lehrer gesucht.Foto: dpa

Es gibt zu wenige Lehrer an Berlins Schulen. Seit Februar 2014 nimmt die Bildungsverwaltung deshalb in fast allen Fächern berufliche Seiteneinsteiger in den Schuldienst auf. Eine Chance für Quereinsteiger. Ein Chemiker, der Chef einer Kommunikationsagentur, eine spanische Berufsschullehrerin und ein taiwanesischer Grundschullehrer berichten, warum sie den Seiteneinstieg ins Klassenzimmer wagen möchten.

Florian Seiter. Foto: Aninka Bahr
Florian Seiter.Foto: Aninka Bahr

Florian Seiter, 33 Jahre

Ich bin Chemiker, beende dieses Jahr meine Promotion und arbeite in einem außeruniversitären Forschungsinstitut. Ich würde sehr gern Lehrer werden, ich weiß aber noch nicht, ob mir Physik als zweites Fach anerkannt wird. Deshalb lasse ich mich erst mal beraten. Studiert habe ich in Freiburg, seit fünf Jahren wohne ich in Berlin. Eigentlich bin ich mit meiner jetzigen Arbeit zufrieden, aber für Leute wie mich, die nicht die ganz große Karriere machen wollen, gibt es in der Forschung kaum geeignete Stellen – nur befristete Verträge. Und um Professor zu werden, braucht man im Universitätsbetrieb vor allem gute Kontakte. Die Industrie reizt mich nicht so, weil ich dort nicht lehren würde, aber das macht mir sehr viel Spaß. Dass im berufsbegleitenden Referendariat viel Arbeit auf mich zukommen würde, schreckt mich nicht ab. Ich arbeite auch jetzt ab und zu 60 Stunden pro Woche. Gestern war ich bis Mitternacht im Labor. Am liebsten würde ich an einem Gymnasium mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt arbeiten.

Veronica Rodriguez. Foto: Aninka Bahr
Veronica Rodriguez.Foto: Aninka Bahr

Veronica Rodriguez, 31 Jahre

Ich bin Bauingenieurin und habe in Frankreich und Spanien als Bauleiterin gearbeitet. Nach der Immobilienkrise in Spanien gab es dort aber keine Arbeit mehr. Studiert habe ich in Barcelona, dort habe ich dann auch noch einen Master als Berufsschullehrerin gemacht. Seit zwei Jahren wohne ich in Berlin. Hergekommen bin ich nicht nur wegen Jobs, sondern auch wegen der Liebe. Ich habe inzwischen schon als Honorarlehrerin an einer Europaschule, in einem Weiterbildungsinstitut und an einer Berufsschule unterrichtet. Jetzt möchte ich mich erkundigen, ob ich eine Festanstellung oder das berufsbegleitende Referendariat bekommen kann. Das hängt auch davon ab, welche Unterrichtsfächer mir anerkannt werden und ob mein Sprachzeugnis ausreicht. Ich würde sehr gern Bautechnik und Physik an einem Oberstufenzentrum unterrichten. Nach meiner bisherigen Erfahrung weiß ich, dass ich gut mit Jugendlichen arbeiten kann. Das macht mir großen Spaß.

Te-Yu Lee. Foto: Aninka Bahr
Te-Yu Lee.Foto: Aninka Bahr

Te-Yu Lee, 42 Jahre

Ich komme aus Taiwan, habe dort eine Lehrerausbildung gemacht und zwei Jahre lang an einer Grundschule Chinesisch, Mathematik und Sport unterrichtet. Dann habe ich gekündigt, weil ich unbedingt noch etwas von der Welt sehen wollte. Taiwan ist so eine kleine Insel, da wollte ich nicht mein ganzes Leben lang bleiben. Ich bin nach Deutschland gegangen und habe in Dresden Pädagogik studiert. In Taiwan würde ich mehr Geld als in Deutschland verdienen, aber ich habe es trotzdem nie bereut, dass ich hergekommen bin. Ich habe seitdem viele gute Erfahrungen gemacht. Seit 2007 lebe ich in Berlin. Ich arbeitete als freiberuflicher Übersetzer , momentan bin ich in der Taipeh- Vertretung in der Abteilung Bildung beschäftigt. Schon 2007 habe ich mich als Lehrer beworben, wurde damals aber nicht genommen. Jetzt versuche ich es wieder. Gerne würde ich Mathematik und Sport unterrichten, auch Chinesisch, aber das wird ja nur an ganz wenigen Schulen angeboten.

Michael Gutberlet. Foto: Aninka Bahr
Michael Gutberlet.Foto: Aninka Bahr

Michael Gutberlet, 48 Jahre

Ich bin über einen Zeitungsbericht auf die Möglichkeit des Quereinstiegs aufmerksam geworden. Nach dem Abitur habe ich eine Lehre als Baumschulgärtner gemacht, damals wohnte ich in Osthessen. Nach Berlin bin ich 1987 gekommen und habe hier Germanistik, Geschichte und Publizistik studiert und mit Magister abgeschlossen. Ich war dann journalistisch tätig und habe eine Kommunikationsagentur aufgebaut, die ich seit Jahren leite. In der letzten Zeit lief es nicht mehr ganz so gut, so dass ich mich umschaue, welche anderen Möglichkeiten es gibt. Ich finde die Arbeit als Lehrer sehr spannend, es ist eine gesellschaftlich relevante Aufgabe und ich komme gut mit Kindern klar. Ich glaube, dass ich gute Fähigkeiten mitbringe. Als Chef einer Kommunikationsagentur weiß ich, auf was es bei der Präsentation ankommt und wie man etwas vermittelt. Ich würde gern Deutsch und Geschichte unterrichten, auch Biologie käme infrage. Was die Schulart angeht, bin ich ganz offen.

Lesen Sie hier ein Interview mit einem Lehrer, der den Quereinstieg schon geschafft hat.

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