Berlin : Querschläger traf Wagen eines unbeteiligten Anwohners

Tobias Arbinger

"Halt Polizei. Tatort nicht betreten", steht auf dem weiß-roten Plastikband, das - um Bäume und Straßenschilder gewickelt - einen Parkplatz in der Lichtenberger Franz-Mett-Straße 2 absperrt. Das Band und ein gutes Dutzend Polizisten sind fast alles, was auf die Schießerei vor dem Plattenbau hinweist, bei der gestern Vormittag ein 21-jähriger Vietnamese Schussverletzungen erlitt. Ein LKA-Mann in Zivil begutachtet den Platz. Eine Frau von der Spurensicherung macht Fotos von einer messingfarbenen Patronenhülse. Ein kleines Schildchen auf dem nassen Ashalt zeigt an, dass es sich dabei um Indiz 5 handelt. Bewohner der Plattenbausiedlung machen an der Absperrung halt, fragen, was los ist.

Gegen 10.30 Uhr haben sich nach den vorläufigen Erkenntnissen der Polizei der 21-Jährige und zwei 20 bis 30 Jahre alte Landsleute nach einem Streit eine Schießerei geliefert. Der 21-Jährige wurde in den Arm und ins Bein getroffen. Während die beiden anderen Tatverdächtigen flohen, blieb er am Tatort liegen. Er wurde dort festgenommen und ins Krankenhaus gebracht. Zwei weitere Asiaten nahm die Polizei in der Umgebung des Tatorts vorläufig in Gewahrsam. Ob sie mit der Tat in Verbindung stehen, wurde gestern Nachmittag noch geprüft. Laut Polizei fielen mehrere Schüsse. Ein Querschläger traf das Auto eines 53-jährigen Hellersdorfers, der mit seinem Wagen gerade in die Franz-Mett-Straße einbog. Der Mann kam mit dem Schrecken davon.

Ob es sich bei der Schießerei um eine Auseinandersetzung rivalisierender Zigarettenbanden handelt, wie ein Beamter vor Ort vermutete, konnte gestern nicht geklärt werden. Der Tatort liegt allerdings nur rund zweihundert Meter vom Tierpark-Center und dem U-Bahnhof Tierpark entfernt, wo illegale Zigarettenhändler ihre Ware anbieten. "Ein, zwei Vietnamesen", seien regelmäßig auf einem Parkplatz hinter den Ständen anzutreffen, erzählt ein Markthändler. 30 Mark kostet die Stange bei ihnen, mit Steuermarke müsste man etwa 55 Mark dafür ausgeben. Die Vietnamesen würden zwar immer wieder mal festgenommen, erzählt der Mann am Marktstand. "Drei Stunden später stehen sie wieder da".

Insgesamt seien deutlich weniger illegale Zigarettenhändler auf den Straßen anzutreffen als noch Mitte der 90er Jahre, sagt Detlef Schade, Spezialist für illegalen Zigarettenhandel im Landeskriminalamt. Das Geschäft werde zunehmend im Privaten, über Mittelsmänner in Arbeitsstätten oder über eine Art Lieferservice abgewickelt.

Da es weniger Standplätze gebe, spiele Schutzgelderpressung eine geringere Rolle als früher, sagt Schade. Die Zahl "vollendeter Tötungsdelikte" im Milieu sei gesunken. "Früher wurde lockerer mit der Pistole Geld eingetrieben." Die Banden gebe es aber nach wie vor, sagt Schade. Bei deren Mitgliedern handele es sich häufig um Asylbewerber. Wenn ein verurteilter Straftäter abgeschoben werde, "kommt ruck-zuck einer nach". Seit Anfang der 90er Jahre wurden in Berlin mehrere Dutzend Vietnamesen bei Auseinandersetzungen der "Zigaretten-Mafia" getötet.

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