Berlin : "Quills - Die Macht der Besessenheit": Süße Qualen

Sebastian Schneller

Eine Kostprobe praktischen Sadismus bietet der Veranstalter gleich zu Beginn der Diskussion um Philip Kaufmans neusten Film "Quills - Die Macht der Besessenheit": "Das Rauchen in den Zuschauerplätzen ist verboten, das Rauchen auf dem Podium dagegen erlaubt", erklärt der Schriftsteller Alban Herbst für die Gastgeber, nicht ohne zu ergänzen, dass man den lustvollen Umgang mit Verboten ja gerne in den Werken des Marquis nachlesen, oder in Kaufmanns Film über De Sade nachschauen könne.

Zur Diskussion zum Kinostart des Films über den Klassiker aller Hardcore-Pornographie hat der Filmverleih am Dienstagabend vier stadtbekannte kettenrauchende Berufsbohemiens geladen. Die Krimiautorin Pieke Biermann, Filmkritiker Detlef Kuhlbrodt, Peter von Becker, Feuilleton-Chef des Tagesspiegel und die Publizistin Katharina Ruschtky. Letztere raucht am schönsten. Während Rutschky den Filter an die Lippe führt, schaut sie so, als würde sie sich überlegen, auf wessen Haut sie gleich die Zigarette ausdrückt.

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Mögliche Kandidatin ist Pieke Biermann. Deren Bekenntnis zum Unterhaltungskino passt Rutschky gar nicht. Alle zehn Minuten hält sie ein Exemplar ihrer persönlichen De-Sade-Sammlung in die Höhe und erinnert an die Zeiten, als "Justine" bei Ullstein in der Reihe "Urlaubsklassiker" verlegt wurde und Studenten De Sade als Säulenheiligen grenzenloser Freiheit verehrten. "Aber was soll das heute noch? " fragt die Alt-68erin und "Welche Botschaft hat der Film?" Die Suche nach der Antwort erreicht fast die Filmlänge von 124 Minuten und endet unentschieden. Biermann fand De Sade schon immer langweilig, Kuhlbrodt irgendwie faszinierend. Aber, dass De Sade als pornographischer Schriftsteller zwangsläufig redundant ist, darin sind sich alle einig.

Uneinigkeit herrscht dagegen bei der Frage ob die Eingangsszene aus "Quills" mit den Henkershänden am Schwanenhals einer bildschönen Aristokratin Kitsch oder großes Kino ist. "Kaufmann muss doch nicht das erzählen, was wir alle sehen wollen!" ruft Biermann genervt und irrt, denn natürlich muss jeder Hollywood-Regisseur das erzählen, was die größtmöglichste Schnittmenge aller Ich-Sager sehen will. Am Ende kommt es darauf an, Kettenraucher und andere dazu zu bringen, ins Kino zu gehen und auf ihre Lieblingsbeschäftigung zu verzichten. Das sadistische Rauchverbot gilt bekanntlich auch dort.

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