Berlin : Quilten: Der Stoff, aus dem die Decken sind

Christine-Felice Röhrs

Quilter sein, das ist Veranlagungssache. Dreier Merkmale bedarf es dazu: Eine gute Quilterin muss das Sammel-Gen besitzen, das sie automatisch zuschnappen lässt beim Anblick bunter Stoffreste. Auch das Unordnungs-Gen ist unverzichtbar, das den Anblick von Hunderten übereinandergestapelter Fetzen ertragen hilft. Wichtig ist auch das Puzzle-Gen. Denn all die Stoffstückchen zu einem harmonischen Ganzen - eben zu einem Quilt, zu einer großen bunten Decke - zusammenzusetzen, das erfordert Geduld und einen scharfen Blick.

Bridget Ingram-Bartholomäus hat alle drei Gene. Die in Berlin lebende Britin liebt den Anblick der bunten Fetzen, die das geräumige Dachgeschoss ihres Zehlendorfer Hauses bis in die letzten Ecken füllen. Rosafarbene Stapel hat sie gebaut, gelbe, blaue, braune, welche mit Weißtönen und Stapel von ethnogemusterten Stoffen. Außerdem puzzelt Bridget Ingram gerne. In ihrem "früheren Leben", dem als Tänzerin an kleinen Stadttheatern, hat sie das oft gemacht, zwischen Proben oder vor der Aufführung. Das beruhigte so schön das Lampenfieber.

Irgendwann in den 70er Jahren schickte ihre Mutter ihr dann ein Paket mit Stoffresten und einem Heft übers Patchworken. Da gab Bridget Ingram die Puzzles auf. Seither fabriziert sie im Jahr mindestens zwei Quilts. Vier bis sechs Monate dauert es, bis ein Stück fertig ist. Ingram-Bartholomäus verkauft ihre Werke, stellt sie in den USA, in Deutschland, Großbritannien oder Japan aus oder hängt sie über das Ehebett. Auf dem internationalen Quiltertreffen in Berlin, das am morgigen Donnerstag beginnt und zu dem sich Hunderte Gäste aus aller Welt angemeldet haben, wird die Künstlerin zwei Workshops leiten.

Quilts unterm Kettenhemd

Quilten (deutsch "steppen") oder Patchwork (deutsch "Flickwerk"), das ist schlicht das Aneinandernähen von ganz unterschiedlichen Stoffstücken, sagt die Expertin. Das sieht hübsch bunt aus, ist wegen der vielen Nähte besonders fest, und es kann preiswert sein, wenn Reste verwendet werden. Alles in allem eine so naheliegende menschliche Tätigkeit, dass niemand mehr weiß, wer es wann erfunden hat. Patchwork aus Leder hat man schon in ägyptischen Gräbern aus dem Jahr 2000 vor Christi entdeckt. Im Mittelalter zogen die Ritter Patchwork-Unterwäsche unter die scheuernden Kettenhemden. Im 18. und 19. Jahrhundert brachten dann europäische Siedler ihre gequilteten Bettdecken nach Nordamerika, wo das Quilten als Handwerk und als Kunst so richtig aufblühte. Über die Auswahl von Stoffen und Motiven erzählten die Näherinnen Geschichten, die sonst verloren gegangen wären. Es wurde zur Tradition, Quilts zu besonderen Anlässen zu schaffen - Hochzeits-, Erinnerungs- oder Freundschaftsquilts.

Und das geht so: Zuerst wird das Design geplant. Hobby-Quilter machen Skizzen auf Papier und kleben kleine Stofffetzen hinein, um die Wirkung zu testen. Künstler hingegen arbeiten meist frei. Sie legen oder heften die Einzelteile in immer neuen Kombinationen aneinander und gucken dann durch ein Verkleinerungsglas, um, wie aus der Ferne, die Stimmigkeit der Farben zu überprüfen. Auch Bridget Ingram-Bartholomäus macht das so, sie nutzt dafür eine Wand im Dachgeschoss. Gerade hängt da ein wildes schwarz-wirbelndes Etwas. Quilten ist durchaus mehr als Blümchen-Romantik.

Die fertige Oberseite wird dann mit Quiltingwatte unterfüttert. Früher war das echte, gekämmte Wolle, jetzt ist sie synthetisch. Das jetzt zweilagige Stück bekommt auch noch eine Unterseite, ein glatter, ungemusterter Stoff. Alles in allem kosten Stoffe, Garne und Watte 400 bis 500 Mark.

In Deutschland sind in der Quilter Gilde etwa 5000 Anhänger der Stoffkunst organisiert, in Berlin machen beim Patchwork-Treff Berlin-Brandenburg 150 Näherinnen mit, sagt Bridget Ingram. In den einzelnen Untergruppen, die sich regelmäßig treffen, ist es dann manchmal so wie im Hollywood-Film "Der amerikanische Quilt" mit Winona Ryder. Deren Film-Tanten sitzen alle um einen Tisch herum und nähen gemeinsam einen Quilt. "Quilting Bee" wird die Näherinnen-Gemeinschaft genannt, grob übersetzt als "bienenfleißige Runde". Es sei die am einfachsten zu legitimierende Form von weiblicher Geselligkeit, meint Bridget Ingram-Bartholomäus. "Man tratscht und lacht. Aber weil die Hände nicht ruhen, hat man kein schlechtes Gewissen."

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