Berlin : Rabattgesetz: Die Großen sehen Chancen, die Kleinen nur Probleme

Cay Dobberke

Die geplante Abschaffung des Rabattgesetzes hat in Berlin sehr unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Die Geschäftsführerin der Verbraucherzentrale, Gabriela Francke, nannte die bisherige Regelung mit höchstens dreiprozentigen Ermäßigungen "überaltert". Insbesondere beim Handel mit elektronischen Geräten, Autos und Möbeln sei das Gesetz längst "ausgehöhlt und unterlaufen worden". Nachteile durch den Wegfall müssten Kunden nicht befürchten. Auch in Zukunft schütze das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb vor Schummeleien wie zunächst überhöhten Preisen, die dann per Rabatt gesenkt werden und eine große Ermäßigung vortäuschen.

Ganz anders sieht es die Gewerkschaft HBV. Der Landesvorsitzende Manfred Birkhahn kritisierte eine "Effekthascherei zu Lasten der Verbraucher und Beschäftigten". Die Liberalisierung nutze nur großen Handelsunternehmen, die ihrerseits erhebliche Rabatte bei Lieferanten herausschlagen könnten. "Die Kleineren werden auf der Strecke bleiben." Auch Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbands, befürchtet eine zunehmende Konzentration im Handel. Er bezweifelt, dass die Preise insgesamt sinken können. Auch jetzt schon gebe es "keine Luft" bei den Gewinnspannen.

Der Einzelhandelsexperte der Industrie- und Handelskammer (IHK), Christian Wiesenhütter, sieht die Entwicklung positiver. Örtliche Händlergemeinschaften könnten von der Möglichkeit, Ermäßigungen zu gewähren, stark profitieren - etwa durch gemeinsame Rabatthefte. Die IHK wolle die Geschäftsleute bald entsprechend beraten. In der Uhlandstraße brachte der Händlerverein "Uhland-district" schon im November ein Rabattheft heraus, das Ermäßigungen von mehr als drei Prozent ermöglicht. "Auch wir können dieses Spiel mitmachen", sagte der Vorsitzende Andreas Langholz.

Optimistisch zeigt sich das Kulturkaufhaus Dussmann an der Friedrichstraße. Sprecher Thomas Greiner sieht "neue Chancen zur Kundenbindung". Man überlege, nach der Abschaffung des Gesetzes eine Kundenkarte und einen Club einzuführen. Es sei zu kurz gegriffen, immer nur an den unmittelbaren Preis der Ware zu denken. Dussmann fördere ja auch die Staatsoper Unter den Linden. In Zukunft könnte jemand, der häufig klassische Musik erwerbe, vom Kulturkaufhaus zum Konzert in die Staatsoper eingeladen werden.

Im KaDeWe und anderen Berliner Häusern des Karstadt-Konzerns steht noch nicht fest, wie die künftigen Möglichkeiten ausgenutzt werden. Darüber entscheide die Konzernführung, hieß es. Von dieser waren gestern keine Einzelheiten zu erfahren.

Die Buchpreisbindung bleibt unberührt, dürfte aber wieder stärker diskutiert werden. "Der Wegfall des Rabattgesetzes findetkeine Anwendung auf Bücher", sagte der Geschäftsführer des Verbands der Verlage und Buchhandlungen in Berlin-Brandenburg, Detlef Bluhm. Allerdings ändere sich etwas auf der "psychologischen Ebene". Wenn Kunden daran gewöhnt seien, um Rabatte zu feilschen, müsse ein Buchhändler mehr erklären. Der Verband werde seinen Mitgliedern verstärkt Argumentationshilfen geben, damit sie die Vorteile der Preisbindung deutlich machen können. Es biete sich die Chance für eine "positive Kampagne".

Die Medien-Handelskette Libro, die neuerdings eine Filiale im Europa-Center betreibt, ist ein erklärter Gegner der Buchpreisbindung. "Ich vermag nicht einzusehen, warum Bücher immer eine Sonderrolle spielen", sagte Sprecherin Claudia Conrad. Hier bringe der Wegfall des Rabattgesetzes keine neuen Möglichkeiten. Stammkunden könnten aber mit Ermäßigungen beim Kauf anderer Libro-Artikel wie Musik-CDs, Videos und Computersoftware rechnen.

Die bisher möglichen Rabatte gab es für preisgebundene Bücher nie, wie auch KaDeWe-Sprecherin Dagmar Flade bestätigte. Bei Einkäufen mit der Kundenkarte, die das Kaufhaus an der Tauentzienstraße schon seit Jahren anbietet, bleiben Bücher unberücksichtigt und bringen keinen Bonus.

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