Berlin : Radeln auf Nummer sicher

In der Schweiz gilt die Kennzeichen-Pflicht seit fast einem halben Jahrhundert. Ein Modell auch für Berliner Radfahrer? Pro & Contra

Werner Schmidt

Das „Vignettle“ gehört zu den Schweizern wie der Käse: Autofahrer brauchen sie, um die eidgenössischen Autobahnen nutzen zu dürfen, und Radfahrer müssen ihr Zweirad damit kennzeichnen. Radler, die ohne erwischt werden, zahlen 40 Euro Bußgeld. Die Radvignette belegt nämlich, dass der Fahrer eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen hat, über die nur Unfallschäden reguliert werden. Gleichzeitig ist sie eine Art Registrierung der Räder. Über die Nummer auf der Vignette kann ein gestohlenes Rad über die bei der Polizei mit der Diebstahlsanzeige hinterlegte Nummer identifiziert und dem Eigentümer zurückgegeben werden.

Die Versicherungsplakette gilt ein Jahr und kostet zwischen fünf und sieben Schweizer Franken (3,40 Euro bis 4,80 Euro). Versichert sind Schäden bis zwei Millionen Franken (1,36 Millionen Euro). In Deutschland ist diese seit beinahe 50 Jahren bewährte Schweizer Tradition weitgehend unbekannt. Schäden, die hierzulande von Radfahrern verursacht werden, reguliert die private Haftpflichtversicherung. Aber niemand ist verpflichtet, eine abzuschließen.

Rund vier Millionen Radfahrer gibt es in der Schweiz nach Auskunft der Interessengemeinschaft Velo. Davon wurden 2003 bei Unfällen über 3300 verletzt, 48 Radler kamen in der Schweiz bei Verkehrsunfällen ums Leben, so die Schweizerische Bundesstelle für Unfallverhütung. Allein in Basel mit etwa 200 000 Einwohnern ereigneten sich im vergangenen Jahr 100 Unfälle – darunter drei mit Fußgängern. Glücklicherweise kam keiner der Beteiligten dabei ums Leben. Für Klaus Mannhardt, dem Sprecher der Baseler Polizei, hat sich die Vignettenpflicht bewährt: „Sie gehört längst zum Service beim Kauf eines Rades.“

Aber die Probleme, die die Polizei in Basel mit den Radfahrern hat, gleichen denen in Berlin: Sie fahren auf den Fußwegen, stoppen nicht vor roten Ampeln und sind deutlich zu schnell. Extremstes Beispiel: Mit geschätzten 60 Stundenkilometern raste ein Radfahrer 2003 in Fischingen (Kanton Thurgau) gegen eine Fußgängerin. Beide wurden schwer verletzt.

Im Gegensatz zu Berlin, wo das Rad als Fortbewegungsmittel immer beliebter wird, hat die Bedeutung des „Velos“ in der Schweiz laut „Luzerner Zeitung“ in den vergangenen 20 Jahren ständig abgenommen. Das Blatt beruft sich auf Verkehrszählungen des Statistischen Bundesamtes der Schweiz, wonach nur noch für rund sieben Prozent der Schweizer das Fahrrad das wichtigste Fortbewegungsmittel ist. 50 Prozent bevorzugen heute das Auto.

In Berlin dagegen setzt man auf das umweltfreundliche Fahrrad. Erst im November verabschiedete der Senat seine neue „Radverkehrsstrategie“. Rund zehn Prozent der täglichen Wege werden per Pedale zurückgelegt; dies soll auf 15 Prozent gesteigert werden. Bis 2010 soll das zerstückelte Radwegenetz zu einem einheitlichen Routensystem ausgebaut werden, die Zahl der Verkehrstoten soll bis dahin, so das Senatsziel, um ein Drittel sinken. 2004 starben elf Radfahrer im Berliner Straßenverkehr, im Jahr zuvor waren es 24. Zum Rückgang der tödlichen Unfälle hat auch das gesteigerte Sicherheitsbewusstsein der Radfahrer beigetragen. Immer mehr sind mit Helm unterwegs: „Der Fahrradhelm ist gesellschaftsfähig geworden“, sagt Wolfgang Klang von der Berliner Polizei.

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