Radfahren : Krieg an der Kreuzung

In Berlin ist die Stimmung zwischen Autofahrern und Radfahrern oft angespannt. Häufig geben sie sich gegenseitig die Schuld für Zusammenstöße.

Stephanie Kirchner
Im Berliner Straßenverkehr regiert nicht selten das Recht des Stärkeren.
Im Berliner Straßenverkehr regiert nicht selten das Recht des Stärkeren.Foto: dpa

Vormittags am Potsdamer Platz. Ein dunkelblauer Audi will in Richtung Gabriele-Tergit-Promenade einbiegen. Eine Frau mittleren Alters, die sich in flotter Fahrt auf dem Radweg nähert, hat er fast übersehen. "Hey!" ruft die Frau wütend im Vorbeirasen. Diesmal ist es noch gut gegangen.

Szenen wie diese spielen sich in Berlin täglich hundertfach ab. Und nicht immer gehen sie glimpflich aus. Diese Erfahrung hat auch Alexander Sosolovski gemacht. Der 36-jährige war vor zwei Monaten auf der Großbeerenstraße mit dem Rad unterwegs, als er an der Kreuzung Yorckstraße von einem von der Seite anrasenden PKW erfasst wurde und über das Auto flog. Sosolvoski hatte Glück, er zog sich nur eine leichte Schulterverletzung und ein paar Schürfwunden zu. Vorsichtiger hat ihn das nicht gemacht: "Ich fahr' wie ich will." Auch einen Helm möchte er nicht tragen. "Der stört mich, der gehört einfach nicht zu mir."

Radfahrer wie Sosolovski bringen Jürgen Britz, der schon seit 17 Jahren in Berlin Taxi fährt, auf die Palme. Für ihn sind die meisten Radfahrer ohnehin "farbenblind": "80 Prozent fahren bei rot über die Ampel und an der Kreuzung so wie sie es gerade brauchen." Und wenn man sie darauf anspräche, würden sie "auch noch aggressiv".

Für eine Fahrradfahrerin am Postdamer Platz ist es dagegen Britz' Berufsgruppe, von der die größte Bedrohung ausgeht. "Die Taxifahrer sind die Schlimmsten."

Nach Ansicht von Stephan Magnus Jensen schieben die Radfahrer den Autofahrern die Schuld zu und umgekehrt: "Da wird sich wohl nie eine Einigung erzielen lassen." Er arbeitet im Automobil Forum Unter den Linden und weiß zu berichten: "Unter den Linden, Ecke Friedrichstraße, da knallt und knackt es alle naselang." Viele Radfahrer führen "völlig rücksichtlos durch die Gegend" und würden "die Verkehrsregeln nur vom Hörensagen kennen". Trotzdem hält er Rücksichtnahme auf Radler für wichtig, schließlich hätten die am meisten darunter zu leiden "wenn es knallt".

Besonders an den Straßenkreuzungen kommt es oft zu Auseinandersetzungen. Davon ist auch Elizabeth Eberstein überzeugt. Die Kreuzbergerin erzählt, wie sie ein Autofahrer an einer Kreuzung "total geschnitten" habe. Das Problem sei gewesen, dass die Fußgängerampel noch rot, die Fahrradampel aber schon grün gewesen sei. In unübersichtlichen Verkehrssituation wie diesen liegt für sie die größte Gefahr. Schuld an den meisten Unfällen sind für Eberstein die Autofahrer, sie müssten sich "besser informieren".

Tatsächlich wird nach der jüngsten Berliner Polizeistatistik nur jeder vierte Unfall zwischen Fahrrad- und Auto- beziehungsweise LKW-Fahrern von den Radlern verursacht. Dabei trugen die Radfahrer jedoch die Hauptschuld an 47 Prozent der 7056 Unfälle, in die sie 2009 insgesamt verwickelt waren. Oft waren in diesen Fällen Fußgänger die Leidtragenden. Die Polizei zählte 1293 Zusammenstöße von Fahrrädern und rechts abbiegenden Kraftfahrzeugen.

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