Radfahrer : Voll daneben oder knapp vorbei

TU-Studenten haben untersucht, wie Autofahrer die Radler überholen. Das Ergebnis ist nicht unbedingt schmeichelhaft für die Damen und Herren hinter den Lenkrädern.

Stefan Jacobs
Radfahrer
Wenn sie sich korrekt verhalten, sind sie nicht vor knapp überholenden Autofahrern gefeit. -Foto: Thilo Rückeis

Wenn Radler auf dem Gehweg fahren statt auf der Straße, begründen sie das oft mit der Angst vor haarscharf überholenden Autofahrern. Tatsächlich ist das keine häufige Unfallursache – aber wenn es kracht, dann mit zumindest für den Radler meist katastrophalen Folgen. Daran, wie er überholt wird, kann ein Radler nichts ändern. Oder doch? Maschinenbau- und Wirtschaftsingenieur-Studenten der Technischen Universität wollten es genauer wissen. Unter Regie des Psychologen Boris Gauss haben sie das Projekt „Psych-Bike“ absolviert und sind durch Berlin geradelt: Zwei Männer und eine Frau, mal mit Helm und mal ohne. Sie haben Abstandsradar, Kamera und Computer ans Fahrrad geschraubt und sind insgesamt sieben Stunden lang hin und her geradelt: Leibniz-, Cauer-, Dove- und Helmholtzstraße zwischen Kurfürstendamm und Alt-Moabit. Geradlinig, defensiv und nicht im stauanfälligen Berufsverkehr, in dem es erfahrungsgemäß besonders eng zugeht.

702 Überholvorgänge später waren die Studenten schlauer: Im Durchschnitt fuhren die Autos mit 1,47 Meter Abstand an ihnen vorbei, also knapp unter dem gesetzlich vorgeschriebenen Minimum von einsfünfzig. Allerdings ließ mehr als jeder vierte Autofahrer nicht einmal 1,25 Meter Platz und fast jeder elfte weniger als einen Meter. Elf Autos fuhren sogar dichter als 75 Zentimeter vorbei. „Da kann von einer akuten Gefährdung der Radler ausgegangen werden – zumal auf der Strecke größtenteils Tempo 50 gilt“, resümiert Projektleiter Gauss. Der absolute Negativrekord lag bei 60 Zentimetern.

Der Versuch ergab zwei weitere Erkenntnisse: Zu der Frau – die an ihren langen Haaren auch von hinten als solche erkennbar war – wurde mehr Abstand gehalten als zu den Männern. Ein englischer Wissenschaftler hatte zuvor Ähnliches ermittelt und lieferte als mögliche Erklärung, dass Autofahrer den Fahrkünsten einer Radlerin eher misstrauten als denen eines Radlers. Auch hatte der Brite festgestellt, dass er bei seinen Versuchen knapper überholt wurde, sobald er einen Helm trug und deshalb womöglich für einen Profi gehalten wurde, der mühelos eine schnurgerade Linie fahren kann. Diesen Unterschied konnten die Berliner Studenten aber nicht bestätigen.

Dafür förderte der Test in Charlottenburg eine andere Erkenntnis zutage. Auf einem Teil der Strecke verläuft ein Gehweg-Radweg, der wie rund drei Viertel seiner Artgenossen seit 1997 nicht mehr benutzt werden muss. „Wir haben schon vermutet, dass Autofahrer in Unkenntnis der aktuellen Rechtslage den Radweg für benutzungspflichtig halten“, sagt Gauss. „Also dürften sie das Radeln auf der Straße als gesetzeswidriges Rowdytum einschätzen und die Radler in einem Akt der Selbstjustiz durch knapperes Überholen ,bestrafen’“. Tatsächlich ließen die Autofahrer auf diesem Streckenabschnitt durchschnittlich 7,4 Zentimeter weniger Platz. „Teilweise wurden die Studenten sehr knapp überholt, und mehrfach wurden sie auch beschimpft“, berichtet Gauss. Sein Fazit: Die meisten fahren vernünftig. Aber wenn im Auto von hinten ein knapper Überholer oder gar ein eingebildeter Besserwisser naht, wird es für die Radler gefährlich.

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