Berlin : Radikaler Umbau im Gesundheitsdienst

Sozialsenatorin Knake-Werner plant Neuverteilung zugunsten der sozial Benachteiligten

Ingo Bach

Der Öffentliche Gesundheitsdienst in Berlin soll grundlegend umgebaut werden. Derzeit arbeiten rund 2000 Menschen in den Gesundheitsämtern der Stadt und kümmern sich um Kinderimpfungen, Einschulungsuntersuchungen oder Gesundheitsaufklärung. Dafür wurden im Haushalt 2003 noch rund 84 Millionen Euro bereitgestellt.

Doch die Arbeit des Dienstes überschneide sich häufig mit vergleichbaren Angeboten, zum Beispiel von niedergelassenen Ärzten, sagt Gesundheitssenatorin Heidi Knake-Werner. Das will sie – auch mit Hilfe der Daten des neuesten Berliner Gesundheitsberichts – ändern. „Der öffentliche Gesundheitsdienst muss sich vor allem um diejenigen kümmern, die sich in den Angeboten des Gesundheitswesens nicht zurechtfinden“, sagte Knake-Werner. Sie nennt dies eine stärkere „sozialkompensatorische Ausrichtung“. „Wir brauchen in Berlin keine Ausweitung der Kapazitäten, sondern Angebote und Hilfestellungen, die die Betroffenen wirklich erreichen.“ Sprich: Umorganisation. Dazu gehöre, dass die Mitarbeiter zu denjenigen gingen, die Hilfe benötigten. Denn soziale Benachteiligung führe zu Krankheit, etwa weil die Betroffenenen – zum Beispiel wegen der Praxisgebühr – notwendige Arztbesuche oder Vorbeugeuntersuchungen versäumten.

Man will aber auch sparen. Für den Haushalt 2005 ist beim Öffentlichen Gesundheitsdienst bereits ein Minus von 1,3 Millionen Euro eingepreist. Gerade einigten sich Senat und Krankenkassen, dass diese die Impfstoffe für die Immunisierungen in Schulen bezahlen. Einsparung: 400 000 Euro im Jahr.

Nicht alle Bezirke werden mit dem Umbau einverstanden sein können. Denn die Gesundheitsverwaltung will die Leistungen des Gesundheitsdienstes auf die Bezirke mit dem größten Bedarf – also die mit der ungünstigsten Sozialstruktur – konzentrieren. Ein Beispiel für die jetzige Ungerechtigkeit ist der zahnärztliche Dienst. So stellten die Zahnärzte während der Einschulungsuntersuchungen 2003 bei sechs Prozent der Zehlendorfer Kinder eine unbehandelte Karies oder einen schon gezogenen Zahn fest. In Wedding waren es dagegen 35 Prozent, in Kreuzberg 24 Prozent.

Auf der anderen Seite ist aber gerade in den wohlhabenderen Bezirken der zahnärztliche Dienst des Öffentlichen Gesundheitsdienstes am besten ausgestattet. Laut Gesundheitsbericht kümmern sich in Lichtenberg statistisch 2,5 Ärzte des zahnärztlichen Dienstes um 10 000 Kinder bis 17 Jahren und in Steglitz-Zehlendorf sind es immer noch 1,6. Im sozial problematischen Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg dagegen sind es 0,72 Ärzte, in Neukölln gar nur 0,36.

Noch ist der Umbau des Dienstes in der Planung, sagt die Senatorin. Ab 2006 soll der radikale Schnitt dann in die Tat umgesetzt werden.

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