Berlin : Radioaktive Strahlen: Berlin will umdenken

KATJA FÜCHSEL

Der Vorstoß eines Münchner Atomexperten hat nun auch in Berlin Diskussionen ausgelöst.Während die Bündnisgrünen und die "Ärzte gegen Atomkrieg" eine Senkung der Grenzwerte für die zulässige Strahlenbelastung fordern, denkt man derzeit auch bei der Senatsverwaltung über eine Änderung der gegenwärtigen Richtlinie nach."Im Zweifelsfall zählt schließlich die Gesundheit der Menschen", sagt Joachim Günther von der Umweltsenatsverwaltung.

Nach den Worten des umweltpolitischen Sprechers der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen kommt diese Einsicht jedoch etwas spät: "Die Belastung der Lebensmittel wurde schon nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl runtergespielt", sagt Hartwig Berger.Bis heute werde außerdem die Wirkung von Niedrigstrahlung auf die Gesundheit der Menschen unterschätzt.Berger fordert die Senatsverwaltung deshalb auf, künftig Lebensmittel nicht nur regelmäßig zu überprüfen, sondern auch die Verbraucher über die Ergebnisse zu informieren."Pilze, Wild - das ist doch nach wie vor alles kontaminiert."

Daß die Gesundheit mancher Berliner in den vergangenen Jahren unter der radioaktiven Strahlung gelitten hat, hält man auch bei den "Ärzten gegen Atomkrieg" für sicher."Nur, daß die Schäden hier nicht nachweisbar sind, weil sie in der Statistik verschwinden", sagt Hauber.Die radioaktive Strahlung sei weit gefährlicher als derzeit in den geltenden Schutzvorschriften geregelt ist.Den norddeutschen Verbrauchern rät der Arzt deshalb auch noch zwölf Jahre nach der Reaktorkatastrophe zur Vorsicht: "Man sollte sein Strahlenkonto gut beobachten." So sollten Patienten den Sinn einer Röntgenuntersuchung hinterfragen und besonders Kinder sowie werdende Mütter den Verzehr von Pilzen, Wild, Waldbeeren und Süßwasserfischen meiden.

Im Hahn-Meitner-Institut weist man diese Warnungen allerdings als übertrieben zurück und hält eine Gesundheitsgefährdung der Berliner auch kurz nach der Reaktorunfall für äußerst unwahrscheinlich."Die Empfehlungen der Strahlenkommission haben sich im Gegensatz zu den Meinungen einiger Kommunalpolitiker als am fundiertesten herausgestellt", sagt der Leiter des Strahlenschutzes, Dieter Borchardt.Wie das Bundesamt für Strahlenschutz und die Strahlenkommission lehnt auch der Wissenschaftler eine Senkung der Grenzwerte ab.Denn Borchardt ist der Auffassung, daß die erhöhten Leukämie-Raten in der Elbmarsch nicht mit dem Atomkraftwerk Krümmel zusammenhängen.Vielmehr handele es sich dabei um eine "zufällige Häufung".Der Müncher Strahlenbiologe Edmund Lengfelder und zwei weitere Strahlenexperten hatten am Wochenende eine Senkung der Grenzwerte gefordert, da die erhöhten Krebsraten im Umfeld deutscher Atomkraftwerke belegten, daß die angewandten Berechnungsmethoden nicht die Realität träfen.



Nach dem Reaktorunglück 1986 riet der Tagesspiegel seinen Lesern, weniger Fleisch - vor allem kein Wild - und Milchprodukte, dafür aber mehr Sojaprodukte zu essen.Auch Kondens- und Trockenmilch waren nach dem Supergau stark mit Cäsium belastet.Experten rieten dazu, wegen der erhöhten Werte besser darauf zu verzichten.Nicht empfohlen wurden außerdem österreichische Pfifferlinge, die im Gegensatz zu denen aus Polen stark erhöhte Becquerel-Werte aufwiesen.Auch Berliner Angler konnten sich nicht mehr über ihre Fänge freuen.Die Berliner Umweltverwaltung warnte davor, selbstgefangenen Fische zu essen.Als besonders hoch kontaminiert wurde der Flughafensee eingestuft.Ein hier gefangener Barsch habe die zugelassenen Werte weit überschritten, hieß es in einem Tagesspiegel-Artikel von Juli 1986.

Auch Kleingärtner konnten nicht mehr ohne Bedenken ihren selbstgezogenen Dill und Schnittlauch zum Würzen verwenden.Die Gartenkräuter wiesen vergleichsweise hohe Werte von Cäsium 137 und Cäsium 134 auf.Weniger belastet waren dagegen Möhren, Radieschen und Zwiebeln.Auch das Obst aus den privaten Kleingärten hatte nur leicht erhöhte Werte.Das Berliner Trinkwasser erklärte die Charlottenburger Meßstelle in der Soorstraße im August des Jahres für nahezu strahlenfrei.se

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